Grüezi. Hallo. Bonjour! - Monatsgedanken März 2012
Gruss aus Srinagar/Kaschmir (Foto: Andreas Bertram-Weiss)
Was machen wir, wenn uns auf einsamer Strecke jemand begegnet?
Wir grüssen.Es gehört ein kurzer Blickkontakt dazu. Ein kurzes Erkennungszeichen - du bist auch Mensch. Das Handheben zeigt: Ich will dir nichts tun, ich bin ohne Waffe gekommen. So ist Grüssen wohl vermutlich in den Urgründen der Menschheit entstanden.
Die Kulturen haben kreativ an der menschlichen Begegnung gearbeitet: Wie werden Höhergestellte gegrüsst? Was für Handzeichen haben die Jugendlichen? Wie begegnet man Fremden? Die Grussformeln sind recht regional. In der Schweiz erkennt man, ob jemand per Du oder per Sie ist am Gruss.
In einer anonymen Grossstadt grüssen die Menschen einander nur, wenn sie sich persönlich kennen. In kleineren Strukturen grüssen sich die Leute, auch wenn sie einander nicht kennen.
Wird der eigene Ort zur anonymen Schlafstadt, wenn auf den Strassen nicht mehr gegrüsst wird? Ältere Menschen vermissen es, wenn die Kinder nicht grüssen. Den Kindern ist es vielleicht eine lästige Pflicht? Nichtgrüssen sagt ja: Dich habe ich nicht gesehen, für mich gibt es dich nicht.
In altorientalischer Zeit war Nichtgrüssen eine kleine Kriegserklärung. Abraham läuft Fremden, denen er begegnet, entgegen und verneigt sich. Abrahams Verneigen zeigte: Ich achte dich als Ebenbild Gottes. Einmal wurde für Abraham eine Begegnung mit Fremden zur Gottesbegegnung.
Mit so hohen Erwartungen gehe ich nicht auf die Strasse, doch ein erwiderter Gruss freut mich. Grüssen ist nicht „retro“ oder antiquiert. Es zeigt Respekt vor einander. Es sagt: Ich nehme dich wahr!
Zeigen wir einander unser Gesicht, dann wird das Leben und Wohnen persönlich. Und das ist doch im digitalen Zeitalter schon ein Gottesgeschenk, oder?
Seien Sie gegrüsst im März
Ihre Pfarrerin Gabriele Weiss
PS: Andere Beobachtungen zur Zeit von Sara und Abraham können Sie in unserer diesjährigen Predigtreihe in der Passionszeit machen. Sie beginnt am 4. März.