Spekulation mit Nahrungsmitteln fördert Hunger - Monatsgedanken November 2011

Mais-Collage (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Mais-Collage (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

„Hört dies, die ihr dem Armen nachstellt und die Elenden im Land beseitigt und sagt: Wann ist der Neumond vorüber, dass wir Getreide verkaufen können? Und wann der Sabbat, dass wir Korn anbieten können?“ Amos 8,4f.

Wieviele Tonnen Weizen haben Sie bei Ihrer Bank liegen? Und wieviele Container Mais hat Ihre Pensionskasse für Sie hinterlegt, indem sie Ihr Geld in Rohstoffen angelegt hat?
Was hat unsere Pension mit Hunger zu tun?
Wenn der Maispreis auf das Doppelte steigt, wie jetzt wieder, dann wird eine Mutter in Guatemala auf ihren Maisbrei am Tag verzichten, damit ihre Kinder sich wenigstens satt essen können, und der Tagelöhner in Bangladesh wird seiner Familie nur Brot, aber nicht noch Milch oder Gemüse kaufen können.

Seit einiger Zeit ist es üblich geworden, die Risiken in der Vermögensanlage weiter zu streuen und nicht nur Rohstoffe wie Metalle und Erdöl dem Vermögen beizumischen, sondern auch Nahrungsmittel wie Zucker, Weizen, Mais und Orangensaft. Diese werden an Warenterminmärkten gehandelt.
2000 hat die internationale Finanzlobby die Regulierungsbehörden davon überzeugt, die bis dahin geltenden Beschränkungen zu lockern oder ganz aufzuheben. Auch die Banken und Fonds wollten an dem lukrativen Geschäft mit Grundnahrungsmitteln beteiligt werden und führten es in der Folge ad absurdum. Alleine in den Jahren von 2003 bis 2008 sind die Investitionen in die beiden größten Rohstoff-Indexfonds von 13 Milliarden US$ auf 317 Milliarden US$ explodiert. Das entspricht einem Anstieg um 2300 Prozent.

Die Tatsache, dass der Spekulant heute an den Terminbörsen nur wenige Prozent des Gegenwertes seines eingegangenen Vertrages als eigenes Geld hinterlegen muss (die so genannte „Sicherheitsmargin“) führte dazu, dass die ohnehin einschiessenden Investmentgelder durch zusätzliche Kredite aufgebläht wurden, und auf dem Papier ein Vielfaches der produzierten Menge gehandelt wird.
Wenn ein Preisanstieg gewittert wird, z.B. durch einen Ernteausfall in einem kleinen Land, dann führt dies dazu, dass weltweit der Maispreis innerhalb kurzer Zeit erheblich ansteigen kann, weil viele Investoren von diesem Mangel profitieren wollen.

In zwölf untersuchten afrikanischen Ländern stiegen die Nahrungsmittelpreise zwischen 2007 und 2008 um durchschnittlich 63%. Umgerechnet bedeutet dies, dass 71% der steigenden Weltmarktpreise auch die lokalen Märkte erreichte. In Malawi und Äthiopien nahmen
die Preise aufgrund zusätzlicher lokaler Faktoren gar stärker zu als die Weltmarktpreise selbst.
Dass Preissteigerungen vor allem Haushalte in armen Ländern
treffen, hängt vor allem damit zusammen, dass Familien
in Entwicklungsländern mehr Geld für Grundnahrungsmittel
ausgeben, als Familien in reicheren Ländern. Denn wenn
Haushalte bis zu 80% ihres Einkommens für Grundnahrungsmittel
ausgeben, bedeuten Preissteigerungen einen schwer
zu verkraftenden Schock. Für Länder wir Malawi etwa wurde
der enge Zusammenhang zwischen steigenden Preisen für
Grundnahrungsmittel einerseits und der Mangelernährung
von Kindern andererseits untersucht. Das schockierende Ergebnis: wenn sich die Maispreise verdoppeln, kann die Mangelernährung bei Kindern bis zu fünf Jahren mit einem Faktor von sieben zunehmen.

Der Prophet Amos ermahnte im 8. Jhd. v.Chr. die Reichen, nicht auf der Not der Armen sich zu bereichern. Heute würde er uns sagen, dass es ethisch nicht vertretbar ist, mit Nahrungsmitteln zu spekulieren und aus der Not anderer noch Kapital zu schlagen. Es gibt keinen volkswirtschaftlichen und humanitären Grund, diese Liberalisierung auf Kosten der Armen fortzuführen. Ein Eingriff wie beim Silberhandel im Mai, als die Margins erhöht wurden, wären ein Anfang. Preislimiten als Leitplanken wären möglich. Und Sie können damit anfangen, in dem Sie und ihre Bank ihr mögliches Investment in Nahrungsmitteln auflösen.

Eine segensreiche Zeit im hoffentlich nicht so stürmischen Herbst
wünscht Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss

Eine Studie von Misereor in Zusammenarbeit mit dem Börsenexperten Dirk Müller, finden Sie als Download hier Misereor_1_ oder auf www.kircheamsee.ch/downloads.
Bereitgestellt: 11.10.2011