Glauben dass - oder aus Glauben? - Monatsgedanken Oktober 2011

Herbstspaziergang (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Herbstspaziergang (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Versteht man Glauben als Für-Wahr-Halten,
als Meinen, ohne zu wissen,
als Annehmen, ohne beweisen zu können,
dass es einen Gott- Vater, Sohn und Heiligen Geist –gibt,
einen Himmel und eine Hölle gibt,
ein Leben nach dem Tode gibt,
dann heisst Christentum,
dass man in die Kirche gehen muss,
die Sakramente empfangen muss,
die Gebote achten muss
und den Nächsten lieben muss.
So verstanden ist Religion
Oft eine schwere Last,
die sehr wenig mit meinem alltäglichen Leben zu tun hat.

Wächst mein Glauben
Aus meiner Erfahrung,
aus meinem Vertrauen und Hoffen,
aus meiner persönlichen Beziehung
mit meinem Gott, der mich leben lässt,
mein Gott, der Liebe schenkt,
meinem Gott, der mir als Du und im Du begegnet,
dann heisst Christentum
für mich
in der Gemeinschaft von Christen
Mitgläubigen begegnen,
in den Symbolen (der Sakramente) Gott erleben,
in den Weisungen Hilfen und Modelle für
mein Leben aus dem Glauben finden
und mich als den Nächsten dessen
erweisen, der mich braucht.
So verstanden ist Religion
die Deutung meines Lebens,
aus der ich meinen Alltag
zu leben und erleben
versuche. (Jean-Louis Gindt)

Zwei Glaubenshaltungen werden hier einander gegenüber gestellt.
Der Religionsphilosoph Martin Buber unterschied die beiden Glaubensweisen „ich glaube, dass“ und „ich glaube dir“.
Der Autor J.L.Gindt nimmt dies in obiger Gegenüberstellung auf: Wenn wir Glauben nur verstehen, dass man etwas annimmt, es aber mangels Beweisen nicht so genau weiss, dass es einen Gott gibt oder geben könnte, dass es völlig irrelevant ist, an was man glaubt, dass es nur eine persönliche Meinung ist, etwas für wahr zu halten, dann nimmt man an, „dass“.
Und dieses Annehmen wird leicht zur falsch verstandenen Pflicht, die ich meine, tun zu müssen. Dann wird Christentum zu einer Anstandsdame, an der ich mich nur nach aussen orientiere. Glauben ist dann etwas, was man nur für andere erledigt, dann wird Gottesdienst als ein Abhaken, als Absitzen und Zeitvergeudung verstanden und auch erlebt.

Ein anderes Glaubensverständnis ist das, was Martin Buber mit „Ich glaube dir“ meinte. Glauben ist ein daseinsbestimmendes Vertrauen, eine Form von Beziehung, zu dem Urgrund der mich trägt, zu Gott.
Dann ist es ein „aus Glauben“, ein Hoffen und Lieben,
ein Sehen der Wunder im Alltag, in jedem Grashalm, der fast einen Meter lang ist und dem kein Bauwerk auf der Erde gleicht, als Werk der Schöpfung Gottes, oder wenn ich einen Menschen als Ebenbild Gottes ansehe, in dem ich etwas von Gott entdecken kann, der mir auch als Du begegnet.
So verstanden ist Glauben eine Kraftquelle, eine Verstehenshilfe, oder Richtschnur, ein Grund aus dem ich lebe und dem Gegenüber ich mich verdanke.
Dann ist auch Gottesdienst eine Form von Beziehungspflege, eine Art seelische Hygiene, die mich zu meinen Wurzeln zurückführt, eine Einübung, in der ich mit anderen Menschen zusammen bin, die wie ich auf dem Weg der Suche nach Gott sind.

Eine gesegnete Zeit im Herbst unterwegs wünscht
Ihnen Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 22.09.2011