Brokkoli und Möhren - Monatsgedanken März 2011

noch mehr Schubladen (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

noch mehr Schubladen (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

„Die Kasse vier öffnet jetzt für Sie“, sagte eine Stimme aus dem Lautsprecher.
„Wenn Sie die Frau fragen, wird sie Sie bestimmt vorlassen“, ermuntere ich den Mann mit Brille und blauer Mütze, der sich vor mir an dieser Kasse angestellt hatte. Er hat in den Händen nur einen Brokkoli und einen Beutel Bio-Möhren. Er zieht die Augen hoch und entgegnet mir: „So wie die Frau sich beeilt hat und den Wagen vor mich geschoben hat, lässt sie mich doch nicht vor“.
Die junge Frau mit halblangen Haaren hat das Band zur Hälfte vollgelegt und versucht noch eine Pfanne und Kaubonbons dazwischen zu stopfen. Auch der Kassierer ist ohne Beschäftigung, denn bis die Frau das Band voll ausgefüllt hat, dauert es seine Zeit. Im Kindersitz hat sie noch einen vollen Korb, den sie mit zur Kasse nimmt und die Artikel einscannen lässt.
„Sie hat wirklich viel“, seufzt der Mann, dem ich ein Abstandschild auf das Band lege, damit er auch sein Gemüse deponieren kann. Dann dauert es etliche Minuten, bis sie mit allem fertig ist und ihren Wocheneinkauf davon schiebt.

Warum war der Mann so sicher, dass die Frau ihn nicht vorlassen würde? Er schloss dies aus der Art, wie die Frau sich mit ihrem Wagen anstellte. Vielleicht war sie in Gedanken und bemerkte ihn nicht, aber wenn man sie direkt angesprochen hätte, dann hätte sie ihn vielleicht vorgelassen. Was hätte er mehr einstecken können als höchstens eine unhöfliche Abfuhr „immer der Reihe nach“?

Wie praktisch sind unsere Schubladen und Schachteln, in die wir andere einsortieren. Da brauchen wir nicht mehr miteinander reden, sondern meinen schon vorher zu wissen, was der andere denkt und wie er handeln wird. Und dann wird es bei manchen schnell „zu links“ und „zu rechts“. Die Schachteln werden zu festen Vorurteilen. Und dabei kann man sich irren wie das Ehepaar, das über Jahrzehnte sich die Brötchenhälften teilte, er die obere, sie die untere, weil sie meinten sie mögen es am liebsten so. Und dann stellen sie fest, dass es anders herum war und sie auf ihre geliebte Seite verzichteten, weil sie jeweils meinten, der andere wolle sie.

Jesus begegnete Menschen immer wieder neu. Er nahm sie heraus aus ihren festen Strukturen, führte sie vor das Dorf, abseits von Vorurteilen und Rollen, um sie zu heilen. Jesus ermöglichte eine neue Begegnung, wertschätzend, frei von Kästchen.

Auch Gott packen wir gerne in so eine Schublade. Feste Begriffe und Worte geben Sicherheit, können aber auch zur Fessel werden. Was wir in Kinder- und Konfirmandenzeit meinen verstanden zu haben, was in der Sturm- und Drangphase wichtig war, was die kritische Vernunft ablehnte, schön eingeordnet, haben wir unser Gottesbild fertiggezimmert und in Schubladen abgelegt.

Jesus zeigte den Menschen anhand der jüdischen Bibel, dass Gott auch diese Schubladen und Kästchen übersteigt. Dass wir uns kein Bild machen sollen und dass eine neue direkte Begegnung lohnt. Die nur mit Brokkoli und Möhren in der Schlange des Lebens stehen, abwarten und seufzen, denen macht er Mut, es noch einmal zu versuchen. Ob stammelnd, Worte neu flechtend, oder auch wortlos, schweigend.

Gottes Antwort ist JA. Gott liebt. Das bleibt.

Eine gesegnete Zeit wünscht Ihnen Ihr
Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 20.02.2011