«Suche Frieden und jage ihm nach.» Ps 34,15 - Monatsgedanken Februar 2011

verpackt (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

verpackt (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Zur Volksinitiative ‹Für den Schutz vor Waffengewalt› hat der Rat des Schweizer Evangelischen Kirchenbundes (SEK) eine Stellungnahme verfasst. Deren Inhalt und Argumente können Sie hier gekürzt lesen:

Das Eintreten gegen Gewalt und der Einsatz für friedensfördernde Massnahmen und lebensfreundliche gesellschaftliche Strukturen gehören zu den Grundanliegen der Kirchen. „Wir engagieren uns für eine Friedensordnung auf der Grundlage gewaltfreier Konfliktlösungen. Wir verurteilen jede Form von Gewalt gegen Menschen, besonders gegen Frauen und Kinder.“ So haben sich die Kirchen zu Beginn der Dekade zur Überwindung von Gewalt 2001–2010 in der Charta Oecumenica verpflichtet.
Der Rat des Schweizerischen Evangelischen Kirchenbundes (SEK) führt weiter aus:

Im Zentrum der Waffen-Initiative stehen die wirkungsvolle Verhinderung von Waffenmissbrauch und der verlässliche Schutz für (mögliche) Opfer von Waffengewalt. Es geht um eine bessere Kontrolle der im Umlauf befindlichen Waffen und nicht um deren Verbot. Die Volksinitiative stimmt in ihrem Anliegen einer Reduzierung der im Umlauf befindlichen Kleinwaffen mit einer zentralen Forderung des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) im Rahmen seiner ‹Dekade zur Überwindung von Gewalt› überein.

Wir selbst kämen wohl niemals auf den Gedanken, ein Flugzeug zu entführen oder zu sprengen. Zu Recht gehen wir davon aus, dass nicht alle Menschen genauso denken und handeln wie wir und dass es daher klug und verantwortungsvoll ist, Kontrollen an Flughäfen durchzuführen. Dass die Mitglieder von Schiesssport-, Jagd- oder Schützenvereinen verantwortungsvoll mit ihrem Hobby und den dabei verwendeten Waffen umgehen, ist genauso unbestritten, wie die Friedfertigkeit von Fluggästen. Aber genauso, wie von der Friedfertigkeit der meisten Fluggäste nicht auf das Verhalten aller Passagiere geschlossen werden kann, wäre es unverantwortlich, den verantwortlichen Umgang von Schützen mit ihren Waffen automatisch allen Waffenbesitzern zu attestieren.

Gäbe es nur die verantwortungsvollen, besonnenen und rational handelnden Menschen, würde sich in der Tat jedes Gesetz erübrigen. Das ist reines Wunschdenken. Auf der Grundlage unserer Wahrnehmungen und Erfahrungen sowie eines an der Bibel orientierten Menschenbildes muss betont werden: Es ist gesellschaftlich unverantwortlich zu unterstellen, dass Menschen stets verantwortungsvoll handeln. Stattdessen ist es realistisch, jederzeit mit den Grenzen menschlicher Fähigkeiten und Möglichkeiten zu rechnen, verantwortlich zu handeln. Nicht in jedem Fall führt erst die ‹kriminelle Energie› eine Person dazu, dass die Waffe in ihren Händen tödliche Folgen hat. Menschen verletzen und töten längst nicht nur aus klaren Motiven und bewusster Überlegung heraus. Im Gegenteil!

Natürlich besteht auch zwischen dem Vorhandensein einer Waffe und einem Suizidwunsch kein Kausalverhältnis. Die Verzweiflung und die Wahrnehmung von Ausweglosigkeit, die den Gedanken hervorbringen, sich das Leben zu nehmen, bestehen unabhängig vom Vorhandensein oder Nichtvorhandensein einer Waffe. Es ist aber anzunehmen, dass der Besitz einer Waffe den Prozess der Entscheidung in vielen Fällen unglücklich abkürzt. Der Griff zur Schusswaffe in einer verzweifelten Lage erfolgt unmittelbarer und mit geradezu tragischer ‹Perfektion›.

Die kritischen Stimmen zur Initiative blenden auch zumeist die Formen latenter und struktureller Gewalt völlig aus: Gewalt findet auch statt, wenn jemand eine andere Person mit einer Waffe bedroht oder die Person damit rechnen muss, bedroht zu werden (‹dann hole ich das Gewehr›). Gewalt wird auch ausgeübt, wenn jemand einer anderen Person damit droht, die Waffe gegen sich selbst zu richten oder die andere Person damit rechnen muss, damit konfrontiert zu werden. Darüber wird selten gesprochen, mehr noch, sie wird häufig gar nicht (mehr) bewusst wahrgenommen. Haben sich Menschen an solche latenten Drohpotentiale gewöhnt, erwarten sie gar nichts anderes mehr. Hier wirkt sich die Geschlechterdifferenz noch deutlicher aus: Die weitaus meisten Waffen in Privathaushalten gehören Männern. Sie sind mit ihrem Umgang vertraut, sie wissen sie wirkungsvoll einzusetzen. Und allein das Wissen um diese Differenz kann im Konfliktfall Ohnmacht und Gewalt erzeugen.

Die Volksinitiative für den ‹Schutz vor Waffengewalt› stellt nach Sicht des Schweizer Evangelischen Kirchenbundes ein ausgewogenes, vernünftiges und realistisches Instrument für einen besseren Schutz vor Waffengewalt dar, ohne die verschiedenen Interessen gesellschaftlicher Gruppen in nicht akzeptabler Weise einzuschränken.

Aus Platzgründen können hier nur Teile wiedergegeben werden, den vollen Wortlaut finden Sie unter: http://www.sek-feps.ch/media/pdf/themen/Waffengewalt/SEK-Argumentarium-Waffengewalt.pdf

Allen, ob Sie der Argumentation folgen wollen oder nicht, eine behütete und friedliche Zeit
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 24.01.2011