Wenn Kekse reden- Monatsgedanken Juni/Juli 2010

Sprechende Kekse (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Sprechende Kekse (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

In Taizé lagen beim Mittagessen eine Handvoll Kekse auf dem Tablett. Als ich mich gesetzt hatte und mein Blick auf den Joghurt, das Stück Käse und den Apfel fiel, spricht ein Keks mich auf französisch an: „Lächle mir zu“.
Etwas irritiert esse ich den Teller leer, solange das Essen warm ist. Andere Kekse rufen dazwischen: „Sei leise, seien Sie weise“. Ein anderer Keks rückt näher an mich ran und haucht: „Ich liebe Sie“. Wieder andere Kekse kichern und rufen: „zum Lachen“, „bis morgen“. Dann wird es mir zu viel und ich stecke sie in den Mund. Als ich sie zerkaut und hinuntergeschluckt habe, war es wieder still.
Merkwürdig, man kann sicher Kekse mit einer Botschaft bedrucken. In chinesischen Glückskeksen finden wir Zettel. Lebkuchenherzen weisen ihre Träger mit Zuckerguss als „Mausebär“ oder „Schatzilein“ aus. Fair gehandelte Bananen tragen ihren gerechten Anbau auf dem Bauchnabel. Doch wenn Lebensmittel mich bitten: „Lächle mir zu!“, treten sie mir doch etwas zu nahe.
Es gibt Dinge, die sprechen mit uns, auch ohne Buchstaben. Einfach weil wir mit ihnen eine Menge verbinden. Oder weil sie uns an jemanden erinnern. So erinnerten sich beim Seniorenmorgen Besucher des Dorfmuseums Bottighofen, als sie die Sachen dort sahen, an eigene Erlebnisse: Die Sachen fangen an, aus der Vergangenheit zu erzählen.
Im Moment, als ich diese Zeilen schreibe, sehe ich die selbstgepflanzten blühenden gelben Ranunkelsträucher im Garten und erinnere mich an die Studienzeit in Heidelberg. Wenn wir verreisen und bringen Souvenirs mit, dann erhoffen wir uns, dass das Rauschen des Meeres noch aus den Muscheln tönt, die wir gesammelt haben, oder der Duft der Kräuter und Gewürze auch im Winter unsere Nase erfüllt und zu uns sagt: „Erinnerst du dich an den Morgen auf dem Markt?“

Wir nehmen Wasser zur Taufe und brechen Brot und teilen den Kelch beim Abendmahl. Auch durch sie scheint etwas auf. Zu ihnen kommen noch deutende Worte hinzu. Diese von Gott sprechenden Dinge nennt man Sakramente. Sie werden transparent für eine andere Wirklichkeit, die Zuwendung Gottes, die jetzt schon unter uns erfahrbar sein soll. Darüber hinaus kann vieles für uns zum Sakrament werden, das wir mit einer religiösen oder gnadenhaften Erfahrung verbinden. Vieles, was dem einen Menschen banal und gewöhnlich vorkommt, sehen andere mit offenen Augen als Zeichen. Sie sehen den Regenbogen als Hinweis für Gottes Schöpfung oder bringen den Aufstieg zum Berggipfel mit der Ahnung in Verbindung, dass sich Himmel und Erde berühren oder dass Moses Gottes Weisung erhalten hat.

Ich wünsche Ihnen offene Augen und Sinne für die Sprache der Dinge, und eine behütete Zeit
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 23.05.2010