Rendezvous - Monatsgedanken Mai 2010

Rendezvous2 (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Rendezvous2 (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Eine Dame sitzt mit einer Rose am Tisch und wartet. Niemand kommt. Dabei hatte sie sich doch voller Hoffnung mit einem jungen Herrn verabredet. Abgeblitzt: Eine Erfahrung, die wohl in anderer Variante viele Menschen teilen, aber nicht so gerne darüber reden. Ein paar Poeten gelingt es vielleicht die Enttäuschung zu vertexten. Andere würden vielleicht behaupten, sie hätten sowas schnell weggesteckt oder sowieso nie erlebt.
Ganz anders ist es mit der Erfahrung von erfüllter Liebe: Liebesgedichte, Liebesfilme, Liebeslieder. Alle können sich doch unter Liebe etwas vorstellen, kennen verliebte Menschen. Im Wonnemonat Mai, wenn die Hormone die Herzen fliegen lassen, möchte ich den Blick auf ein Liebesgedicht aus dem 18.Jahrhundert lenken.

„Gott ist die Lieb und will, dass ich den Nächsten liebe gleich als mich.“ Der Philosophieprofessor und Dichter Christian Fürchtegott Gellert deutet ganz biblisch die Liebe als eng verknüpfte Gottesliebe und Nächstenliebe. Auch „Selbstliebe“, ein warmes Gefühl für uns selbst ist darin vorgesehen.

Bevor aus Nächstenliebe ein Lippenbekenntiss wird, beschreibt Gellert gleich konkret: „Wer dieser Erde Güter hat und sieht die Brüder leiden und macht die Hungrigen nicht satt, will Dürftige nicht kleiden, ist untreu seiner ersten Pflicht und hat die Liebe Gottes nicht.“ Gellert kritisiert, dass jemand behauptet, Gott zu lieben, aber danach nicht lebt. „So jemand spricht, ich liebe Gott und hasst doch seine Brüder, der treibt mit Gottes Wahrheit Spott und reisst sie ganz darnieder.“

Die Liebe zu Gott ist mehr als nur ein dahingeworfenes Wort. Diese Liebe wird handfest, zeigt sich in Taten an anderen Menschen. Gellert war es wichtig, einem pessimistischen Menschenbild entgegen zu wirken. Er wollte in seiner Zeit darauf aufmerksam machen, wie viel Gutes Gott in uns hinein gepflanzt hat. Und dass Menschen einander das Leben versüssen können, durch Literatur, durch Musik und Gesang. Die Nächstenliebe können wir uns wohl leicht vorstellen. Und die Gottesliebe?

Suchen wir Gott in einem Gebet, in einem Lied oder in einem kurzen Gedanken? Widmen wir Gott unsere guten Taten? Ob Gott es manchmal so vorkommt, dass Gott mit uns verabredet ist, und wir erscheinen nicht?
Wenn Sie wieder mal unser Gesangbuch in den Händen halten, schlagen Sie doch die Nr. 798 auf. Da finden Sie dieses fast 250 Jahre junge Lied. Singen könnten Sie es gleich selbst oder am besten zu zweit.

Eine gesegnete Zeit im Mai
wünscht Ihnen
Pfarrerin Gabriele Weiss
Bereitgestellt: 23.04.2010