Johannes lesen, ohne rot zu werden - Monatsgedanken Februar 2010
Papyrusfragment P52 von 125 n.Chr. mit Johannes 18 (Foto: Andreas Bertram-Weiss)
Im Februar beginnt eine Predigtreihe zum Johannesevangelium.
Zuletzt haben Christen den Muslimen vorgeworfen, der Koran enthalten viele gewalttätige Stellen. Zugleich sind wir als Christinnen und Christen aufgefordert, unsere eigenen Texte zu lesen. Denn mit dem gleichen Vorwurf begegnen Humanisten und Atheisten dem Christentum, deren Glaubensgrundlage, die Bibel, sie als gewaltverherrlichend und brutal ablehnen.
Andreas Bertram-Weiss
Betrachten wir die Wirkung und die Schuldgeschichte, in der Bibelstellen einen Machtanspruch legitimieren halfen, dann stellen wir fest: Verse aus der Bibel begründeten oft in der Kirchengeschichte die Verfolgung und Tötung von Menschen. Eine besondere Herausforderung liegt deshalb darin, das Johannesevangelium zu predigen, das in dieser Hinsicht einige „Bauchschmerzen“ bereitet.
„Ich bin das Licht der Welt“ (Joh 8,12) – „Die Juden sind Kinder des Teufels“(Joh 8,44). Diese beiden Sätze aus dem Johannesevangelium zeigen dessen Missklang: Auf der einen Seite hat es Texte und Sätze wie die „Ich-bin-Worte“, die zum Fundament christlichen Selbstverständnisses gehören: „Ich bin das Brot des Lebens“, oder: „Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben“. Auf der anderen Seite schlägt uns eine pauschale Verurteilung „der Juden“ entgegen. Zugleich wird eine Exklusivität in Sätzen wie: „Niemand kommt zum Vater denn durch mich“ proklamiert.
Der Bochumer Neutestamentler Klaus Wengst fragt: „Gibt es eine Möglichkeit, das Johannesevangelium zu lesen, ohne angesichts Israels schamrot zu werden?“ Denn nicht nur mittelalterliche Pogrome haben sich darauf berufen, Luther hat Johannes antisemitisch ausgewalzt, auch die Nazis haben Joh 8,44 an Ortseingängen zitiert mit dem Zusatz: Dieser Ort ist für Juden verboten. Unsere Verantwortung und Bedingung theologischen Redens ist, dass sich Auschwitz nicht wiederhole.
Warum stehen solche Dinge in der Bibel, die einem aufgeklärten Menschen, der an die Grundrechte aller Menschen glaubt, Befremden hervorruft? Und was können sie uns heute sagen - in einer Zeit, in der von rechter Seite auf politischer Ebene diskutiert wird, ob „das Volk“ selbst die Grundrechte für bestimmte Gruppen und Minderheiten ausser Kraft setzen darf. Dies bedeutet zugleich darüber nachzudenken, was der christliche Anspruch auf „Absolutheit“ für uns bedeutet.
Im Februar beginnt eine Predigtreihe zum Johannesevangelium. Mit der Hochzeit zu Kana und Tempelaustreibung in Joh 2 starten wir. Die Ouvertüre vom ersten Kapitel stellen wir ans Ende als Weihnachtspredigt 2010. Und dazwischen versuchen wir den Evangelium Johannes neu zu begegnen und als gute Nachricht und als lebendiges Wort Gottes für uns zu verstehen.
Eine behütete Zeit und lichtvolle Gedanken im Februar wünscht Ihnen
Pfr. Andreas Bertram-Weiss