Einfach Dichten - Monatsgedanke September

Schubladen_Rainer Sturm_pixelio.de (Foto: Rainer Sturm pixelio)

Schubladen_Rainer Sturm_pixelio.de (Foto: Rainer Sturm pixelio)

In der Bibliothek gehe ich gerne zu dem Regal, in dem die Poesiebände stehen. Da ich mich da gar nicht selbst auf dem Laufenden halte, staune ich dann, in welche Richtung die Gedichtbände gehen.
So fand ich diesen Sommer ein Buch auf dem ein kleiner gelber Vogel aus einem Käfig fliegt. „Du bist nie zu alt, um glücklich zu sein“ lautet der Titel.
Diese „Lebensweisheiten einer Hundertjährigen“ stammen von Toyo Shibata aus Japan. Erst mit über 90 Jahren begann sie, am Abend ihre Gedanken in Gedichte zu fassen. „Wie frischer Wind “ beschreibt die Presse ihre Gedichte. Toyo Shibata reflektiert ihr Leben, blickt zurück oder schildert genau ein Erlebnis von einem Tag. Im Selbstverlag erschien ihr erster Gedichtband und wurde ein Erfolg. Viele Menschen werden durch ihre Texte ermutigt.
Es ist eine Kunst, die rechten Worte zu finden. Manchen Menschen gelingt es etwas auszusprechen, das auch anderen aus dem Herzen spricht. Manche Menschen verstehen es, Worte zu finden, die so kombiniert eine Schönheit in ihrer Sprache zu entfalten. Wenn wir eine deutsche Fassung der Gedichte lesen, ist es schon nur ein Nachklang, aber gehen wir mal davon aus, dass auch die Übersetzung schon Dichtkunst ist.
Erst mit 90 Jahren begann Frau Shibata zu dichten. Ein Alter, in dem wir eigentlich nichts Neues mehr von einem Menschen erwarten. Was verbinden wir mit 90igjährigen? Politik, Poesie? Zwar erreichen immer mehr Menschen dieses Alter, aber dass dann alle noch etwas Besonderes tun? Oft wird der Alltag beschwerlicher. Oft müssen die Menschen, für schmerzlich Vieles um Hilfe bitten. Vieles lässt nach, endgültige Abschiede gehören dazu. Neuanfänge sind selten. Da ist Frau Shibata gewiss ein bunter Vogel.
Es ist kein Leistungsdruck gemeint, wenn ich das Dichten im späten Alter so erwähne. Mir geht es um unseren Blick. Wenn wir mit anderen Menschen sprechen, ob nun älter oder nicht. Dass wir nicht gleich eine Schublade aufmachen und denken: „Die ist so und so.“ Es kann sein, dass unsere Erfahrung, uns das richtig sagt, aber jemand könnte ja auch nochmal anders sein. Er könnte sich für etwas interessieren, was wir nicht ahnen.

Diesen offenen Blick verbinde ich mit Jesus. Er verstand es, Menschen aufzurichten, ihnen etwas zu zutrauen. Er besuchte einfach Zachäus, den die anderen als einen reichen, ungerechten Zolleinnehmer sahen. In der Gegenwart Jesu fand Zachäus den Mut, aus seinem Gefängnis wieder auszubrechen.

Wir gehen unseren Weg mit Jesus. Auch wenn wir keine neunzig sind, können wir uns selbst fragen: Traue ich mir etwas Neues zu?
Vielleicht mal etwas dichten? Vielleicht mal etwas zeichnen? Vielleicht mal ein neues Rezept ausprobieren? Vielleicht mit jemandem reden, an dem ich sonst schnell mit einem „Grüezi“ vorbeigehe?

Erfreuen wir uns doch gegenseitig.

Einen angenehmen September
wünscht Ihre
Pfarrerin
Gabriele Weiss
Bereitgestellt: 18.08.2021     Besuche: 38 Monat