Wer bist du gewesen? - Monatsgedanken April 2021

Ladakh-Leh (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Vielleicht kennen Sie die Erzählung von Martin Buber über Rabbi Sussja: Was ist die Frage der Fragen? Darüber hatte Rabbi Sussja oft nachgedacht, er kam aber erst kurz vor seinem Lebensende darauf.
«In der kommenden Welt wird man mich nicht fragen: Sussja, warum bist du nicht Mose gewesen? Man wird mich auch nicht fragen: Warum bist du nicht David gewesen? Man wird mich fragen: Warum bist du nicht Sussja gewesen?»
Diese Frage ist tröstlich. Und sie ist herausfordernd zugleich. Sussja nahm an, dass er sich an den Grossen messen lassen müsste, an Vorbildern und Idealen wie Mose oder David, an denen, die viel geleistet haben. Doch er erkannte, dass er nicht als Kopie in die Welt geboren, sondern als Sussja geschaffen wurde, den es nur einmal gibt. Es ist die Aufgabe herauszufinden, was das bedeutet: Dass er kein Klon sondern ein Original ist. Und deshalb wird gefragt, ob Sussja in seinem Leben er selbst gewesen ist.
Was bedeutet das? Dass wir in unserer Einzigartigkeit erkennbar sind, meint es, dass wir unsere Kleider selber schneidern oder ausgefallen designen? Auch dies wäre wieder ein Messen, eine Art Abhängigkeit beim Vergleichen, noch eigenständiger, perfekter und individueller zu sein. Ähnlich hat Sussja gemeint, dass er etwas Aussergewöhnliches leisten und darstellen muss. Er hat das als von Gott auferlegte Forderung verstanden. Dass er es sich so schwer machte und sich an anderen orientierte, wurde gar nicht erwartet. Was als tröstlich erscheinen mag, ist zugleich eine herausfordernde und darum tiefsinnige Frage: Warum bist du nicht Sussja gewesen? Diese Aufgabe braucht Zeit. Und sie ist schwer. Es braucht mitunter Jahrzehnte. Und nicht umsonst erzählt diese Geschichte, dass Rabbi Sussja erst am Ende seines Lebens auf diese Frage kam. Es schwingt ein gewisser Schmerz mit, weil Sussja zuvor erfahren hat, dass er vieles nicht ist. Sein Ideal, auch ein Befreier oder grosser Anführer zu sein, ist gestorben.
Ein Beispiel dafür, wenn ein Mensch sich verliert, erzählte Rabbi Chenosch: Es gab einmal einen Toren, den man den Golem nannte, so töricht war er. Am Morgen beim Aufstehn fiel es ihm immer so schwer, seine Kleider zusammenzusuchen, dass er am Abend, dran denkend, oft Scheu trug, schlafen zu gehen. Eines Abends fasste er sich schliesslich ein Herz, nahm Zettel und Stift zur Hand und verzeichnete beim Auskleiden, wo er jedes Stück hinlegte. Am Morgen zog er wohlgemut den Zettel hervor und las: «Die Mütze»- hier war sie, er setzte sie auf, «die Hosen», da lagen sie, er fuhr hinein, und so fort, bis er alles anhatte. «Ja aber, wo bin ich denn?» fragte er sich nun ganz bang, «wo bin ich geblieben?» Umsonst suchte und suchte er, er konnte sich nicht finden.» - «So geht es uns», sagte der Rabbi.
Dieser Narr verlor sich selbst und war so zerstreut, dass er sich selbst nicht im Blick hatte. Mit sich selbst vertraut zu sein und nichts anderes zu sein, als man selbst, hat nicht unbedingt mit Egoismus zu tun oder sollte nicht mit Narzissmus verwechselt werden. Es geht ja um die Frage, welche Gaben ich habe, an denen ich mich freuen kann. Oder was ist mein Merkmal? Sicher ist es sinnvoll, auch mal danach zu suchen, ob wir noch eine neue Gabe bei uns entdecken.
Warum bist du nicht Sussja gewesen? Diese Frage lässt mich darauf vertrauen, dass ich der Mensch werde, sowie Gott mich gemeint hat. Das genügt. Es entlastet mich, auch wenn es herausfordert.

Ein gesegnetes Osterfest wünscht Ihr Pfarrer Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 15.03.2021     Besuche: 37 Monat