Besonders wertvoll - Monatsgedanken März 2021

Urkunde-Besonders-Wertvoller-Mensch-auswahl (Foto: Ausschnitt Zeitungsartikel)

Ein älteres Ehepaar hält je eine Urkunde in den Händen mit Überschrift: „Besonders WERTVOLLER Mensch“. Es folgen Name, die Daten der beiden Impfungen, links leuchtet das Bild einer stacheligen Viruskugel, darunter hängt eine Spritze.
Ist es Werbung oder Satire, frage ich mich, als ich das Bild sehe. Es handelt sich wirklich um ein Foto aus einem Seniorenheim in Thüringen (D). Die Bewertung, dass eine „Impfung“ Menschen als „besonders wertvoll“ heraushebt, stimmt mich nachdenklich.
Was macht Menschen für uns „besonders wertvoll“? Es macht einen Unterschied, ob Staat oder Organisationen einen Menschen herausheben, oder dieser für uns persönlich eine besondere Bedeutung hat. Werden nun - wie im Sozialismus für den „Held der Arbeit“ - Orden verliehen?

Menschen, die einem nahestehen, als Familie oder Freunde, mag man als wertvoll bezeichnen. Darin liegt eine persönliche Sicht, denn die „Liebsten“, die „schönste“ Frau (der Welt), der herzlichste Lebenspartner, wissen, dass sie es in den Augen der anderen sind.
Als Organisation wie auch als Staat sollte man sich aber an die Bundesverfassung (bzw. Grundgesetz) halten: Die Würde des Menschen ist zu achten und zu schützen.
Bedingungslos schreibt diese die geltenden Grundrechte fest: Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich. Niemand darf diskriminiert werden. Das Recht auf Leben, persönliche Freiheit, Bewegungsfreiheit, das Verbot von Folter, und dass Kinder Anspruch auf besonderen Schutz haben und in ihrer Entwicklung gefördert werden…
Einige Politiker haben das mit den Grundrechten nicht verstanden, wenn sie sagen, sie könnten nur unter Bedingungen „mehr Freiheiten gewähren“, als wären sie Diktatoren. Und Journalisten auch nicht, wenn sie fordern: "Mehr Diktatur wagen" (so in der SZ am 9.2.21).

Die Urkunde mit dem „besonders wertvollen Menschen“ ist auch aus theologischer Sicht kritisch zu sehen. Wir Menschen sind von Gott angenommen, zeichenhaft durch die Taufe und den Geist mit ihm verbunden. Jesu Botschaft sagt, dass Gott uns entgegenkommt, weil jeder von uns einzigartig und schon dadurch „besonders wertvoll“ ist. Es genügt allein das Vertrauen. Unser Wert als Mensch hängt nicht von unserem Tun, und schon gar nicht von einem Impfausweis ab.
Mit Blick auf die Geschichte ist bedenklich, dass die Einteilung als wertvoll (und damit auch nicht so wertvoll) sich in die Nähe des Programms der Eugenik zu Beginn des 20. Jahrhunderts bewegt. Mediziner haben sich ihrer vor und in der Nazizeit bedient, um in wertvolles, weniger wertes und auch „unwertes“ Leben einzuteilen. Menschen mit Behinderungen wurden darauf in dem T4-Programm (Aktion T4 benannt nach dem Euthanasie-Programm in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin) massenhaft getötet, in der Schweiz und anderen Ländern wurden viele zwangssterilisiert.
Neben dieser gefährlichen Sicht ist zu bedenken, dass die bisher entwickelten Sars-CoV2-Impfungen beim jetzigen Wissensstand keine Immunität und damit keine Garantie bieten, dass das Virus nicht weitergegeben wird. Ihr Zweck ist es, die Geimpften selbst vor den Folgen einer Covid-Erkrankung schützen. Aussagen wie, es gebe keine Sicherheit, solange jemand nicht geimpft sei, verbreiten weiter Angst. Es scheint darum auch ein psychologischer – und aus meiner Sicht gefährlicher - Werbetrick, Geimpfte als „besonders wertvoll“ zu erklären. Dahinter steht der Gedanke, Menschen ohne Impfung als Menschen zweiter Klasse zu sehen (und auch zu behandeln).

Wir sind in den Augen Gottes besonders wertvoll, und mit unseren Grundrechten als Menschen mit unveräusserlicher Würde ausgestattet. So wünsche ich uns, dass wir ob als Souverän und Bürgerin, ob in Ämtern, als Ärztinnen, in Medien oder als Gewählte in der Exekutive, nicht nur sich respektieren, sondern das wieder feiern können, gemeinsam und öffentlich.

Eine behütete und wachsame Zeit wünscht
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 01.03.2021     Besuche: 40 Monat