Vier Ängste und eine Hand Mitgefühl - Monatsgedanken Januar 2021

Vögel (Foto: Gabriele Weiss)

Die Losung für das neue Jahr 2021 lautet: Jesus Christus spricht: «Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist.» (Lk 6,36) Mitleid oder Erbarmen zu fühlen, ist das etwas, das uns erinnert und gesagt werden sollte?
Kleine Kinder lernen Empathie u.a. von dem Gesichtsausdruck ihrer Eltern und Geschwister. Die lachen mit ihnen, fühlen bei Schmerz mit und zeigen eine mitfühlende Reaktion. Dies sehr mitmenschliche Gefühl wird in dem Bibelvers auch Gott zugeschrieben. Gerade darum wird Gott hier als Vater beschrieben, um genau diese Zuwendung und Nähe auszudrücken, nicht im Sinn eines abgewandten oder strengen Vaterbilds. Wobei es zugleich zum Schmunzeln ist, wenn Jesus auf der einen Seite Gott mit einem Vater vergleicht und das hebräische Wort für Barmherzigkeit wörtlich «Mutterschoss» bedeutet. Genau dies will uns deutlich machen, dass Gott uns verbunden ist und in seinem Inneren das mitfühlt, was Eltern beim Anblick ihres Kindes empfinden. Das Wort «barmherzig» stammt von Lateinisch «ein Herz für die Armen» (misericors) ab.
Dem Lernen von Mitgefühl werden gerade Grenzen gesetzt. Die Pflicht, eine Maske zu tragen, führt bei Kindern dazu, dass sie die Gefühle und Ausdrücke in Gesichtern nicht gut deuten können. Auch Ältere haben ihre Schwierigkeiten. Mitgefühl setzt auch einen Zustand innerer Freiheit voraus. Die jetzige Situation, die von hohen «Fallzahlen» berichtet und Massnahmen begründet, erzeugt bei vielen Ängste. Angst verhindert gerade die Zuwendung zu anderen, denn sie bewirken bei vielen die alten Reflexe nach Rückzug, Angriff oder Stillhalten. Ängste zeigen, dass Bedürfnisse nicht erfüllt sind. Wir haben es mit verschiedenen Ängsten zu tun: 1. Angst vor Tod und Sterben, 2. vor Einsamkeit, 3. vor Verlust der Freiheit und 4. Angst um die Existenz.
Die einen haben Angst vor dem Virus, sie fürchten sich vor Erkrankung und dem Sterben. Diese Warnungen zeigen uns am laufenden Band Medien. Andere haben mehr Angst vor der Einsamkeit, dies vor allem jüngere Menschen, die sich nicht miteinander treffen können. Sie vermissen die Gemeinschaft, den Sport, die Veranstaltungen, Tanzen und ein Fest.
Andere haben Angst vor dem Verlust ihrer Lebensgrundlage, denn sie dürfen ihren Beruf nicht ausüben, oder ihr Betrieb ist in Kurzzeit oder vor der Insolvenz. Davon ist das Selbstwertgefühl und auch die Familie betroffen. Und wieder andere haben Angst vor dem Verlust ihrer Freiheit, dass alles von oben bestimmt wird, die Grundrechte genommen werden, oder Freiheit nur bei einer Impfung gewährt wird.
So wird auch Mitgefühl verhindert. Zumal wir aufgerufen sind, zu Hause zu bleiben, können aufgrund der verschiedenen Hintergründe und Ängste Menschen nicht mehr miteinander sprechen.
Die Angst vor dem Sterben haben, haben wenig Mitgefühl mit denen, die Angst um ihr Einkommen haben. Und sie meinen auch wenig Empathie von denen zu bekommen, die um ihre Freiheit fürchten, und diese meinen auch nicht gehört zu werden. Damit haben wir eine Dilemmasituation. Wer in Angst lebt, schaut nicht auf Zahlen und Fakten. In der Angst wird auch der Nocebo-Effekt wirksam: Anders als der positive Placebo löst die Angst vor einer Krankheit oder Nebenwirkungen eines Medikaments bei vielen Menschen genau jene Symptome aus. Viele klinische Studien weisen das nach.
Jesus fragt: „Was sorgt ihr euch?“, und erinnert, dass Gott uns barmherzig wahrnimmt. Wenn ich mich verstanden weiss, hilft es, auch dem anderen zuzuhören.
Die Corona-Krise ist für viele keine medizinische Frage mehr, sondern eine gesellschaftliche Herausforderung. Letztlich finden wir nur eine gesellschaftliche Lösung jenseits des Ringens, welche Angst wichtiger genommen wird, wenn wir lernen, uns selbst und gegenseitig mitfühlend zuzuhören.

Gesundheit und Mitgefühl für das neue Jahr 2021 wünscht
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 27.12.2020     Besuche: 37 Monat