Unter Bäumen - Monatsgedanken November 2020

Baum <span class="fotografFotoText">(Foto:&nbsp;Andreas&nbsp;Bertram-Weiss)</span><div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5</div><div class='bid' style='display:none;'>1362</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

Wer oberhalb von Scherzingen und Schönenbaumgarten durch den Wald geht, trifft dort vereinzelt auf Bäume, die besonders geschmückt sind: Bilder, Worte und Blumen weisen auf Gräber von Menschen hin. Sie irritieren mich.
Eigentlich bin ich zur Erholung im Wald, ein Gedenkort für Tote kommt unerwartet. Ebenso Grabsteine am Wegesrand beim Spaziergang.

Warum wünschen Menschen ein Grab unter einem Baum? Zum einen besteht die Vorstellung, dass durch den Kreislauf der Natur, im Stoffwechsel, dem Verwesen und Sich-selbst-Erneuern die Asche der Verstorbenen vom Baum aufgenommen wird – und damit weiterlebt. Dies knüpft an mythische Vorstellungen von Seelenwesen im Stamm an. Völker bewahrten Erzählungen über belebte Bäume. Hintergrund dafür mag sein, dass unsere Vorfahren mit dem Baum als Lebensraum zusammenlebten. So wurde der Baum zu einem Symbol. Er erinnert an einen aufrecht gehenden Menschen, der verwurzelt und standhaft steht. Er streckt sich in den Himmel, seine Äste breiten sich wie Arme aus, die Zweige bewegen sich wie Finger.

Kastanien, Eicheln, Bucheckern, Baumnüsse, … jetzt im Herbst liegen sie zu unseren Füssen. Faszinierend ist doch, dass der Same das Potenzial in sich trägt, etwas ganz Grosses zu werden. Diese Möglichkeit hat seit jeher Menschen begeistert: Sich vorzustellen, das entfalten zu können, was im Kleinen wie in einer Samenhülle in uns steckt.

An einem Baum begraben zu sein, kann daran erinnern, dass Gott das vollendet, was in uns angelegt ist. Und ein Baum steht nicht alleine da. Bäume sind mit anderen verbunden. Sie dienen als Schutz und Lebensraum für Eichhörnchen und Insekten. So erzählt auch das Gleichnis vom Senfkorn, das Reich Gottes sei unsichtbar wie ein Same, doch dann werden die Vögel des Himmels einmal im grossen Baum nisten.

Bäume sind Symbole des Lebens. Das erzählt auch die Geschichte vom Blinden aus Betsaida, dem Jesus die Hände auflegte. Der sagte: «Ich sehe Menschen – wie Bäume sehe ich sie umhergehen.» (Mk 8,24) Ein starkes Lebenszeichen, dass der Blinde Hoffnung hat und gesund werden will.

So ist ein Baum am Anfang der Bibel im Garten Eden erwähnt, als Baum des Lebens und der Erkenntnis. Und im letzten Kapitel 22 der Johannesoffenbarung endet die Bibel mit der Verheissung von den Bäumen des Lebens, die die Strasse säumen: «Selig, die ihre Gewänder waschen; sie sollen ein Anrecht haben auf den Baum des Lebens und durch die Tore einziehen in die Stadt.»

Vor einiger Zeit hat die Vorsteherschaft den Gedanken bewegt, neben dem Gemeinschaftsgrab auch die Urnenbestatttung unter einem Baum zu ermöglichen. Rund um den Friedhof in Scherzingen gibt es noch die Wiesen als mögliche Erweiterung. Wie Claude Ferrari als Mitglied der Friedhofskommission in Münsterlingen berichtete, wurde von dieser die Idee aufgenommen. Sie wird weiter den Plan und die Budgetierung beraten, die Wiese mit einer Hecke zu umgeben und in den nächsten Jahren die Friedhofsfläche zu erweitern, und dort Bäume pflanzen.

Noch mehr Bäume im Ort und um die Kirche sind ein schönes Zeichen. Letztlich haben wir von diesem Leben irgendwann Abschied zu nehmen. Am Ewigkeitssonntag in diesem Monat erinnern wir wieder der Verstorbenen in diesem Jahr. Das Symbol des Baumes als Verbindung von Himmel und Erde kann für manche Menschen eine tröstliche Vorstellung sein. Wenn wir in Gottes Hand geborgen sind, dann kann das Ausdruck darin finden, an einem Baum gebettet zu sein. Wenn wir einmal Gott schauen, dann ist es für manche mit Blick auf die Äste und den Himmel ein hoffnungsvoller Hinweis darauf sein. Und dass der Baum auch im nächsten Frühjahr wieder neue Blüten und Blätter treibt, lässt hoffentlich den Winter wie den Tod als Teil des Lebens leichter annehmen.

Eine behütete Zeit wünscht Ihnen
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 20.10.2020     Besuche: 39 Monat