Ein Gedicht- Monatsgedanken November 2019

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«Ein jedes Ding hat seine Zeit.» Diese Worte aus dem Buch Prediger (Koh 3) finde ich wunderschön. Sie handeln von der Zeit und sind zeitlos.
Sie wurden vertont, gemalt, in neue Sprache gefasst. Diese 2300 Jahr alten Worte sprechen sogar auch heute Jugendliche an.

«Zeit zu gebären und Zeit zu sterben, Zeit zu pflanzen und Zeit zu sterben.» Eine so schöne Sprache, ein schönes Gedicht, oder?
Eine Dozentin in meinem Studium sagte dazu: «Ich behaupte, dass es kein Gedicht ist, sondern einfach eine Liste!» Diese Sichtweise hat mich damals geärgert. Sie sagte es vermutlich, um uns Studierende zu provozieren. Eine Liste ist ja technisch, so etwas wie eine Rechnung aus Worten oder eine Einkaufsliste. Dieser Text aber spricht so viele Lebenslagen und damit die jeweiligen Gefühle an. Das ist doch mehr als eine Sammlung von Gegensätzen aus dem Leben der Menschen.

«Zeit zu töten, Zeit zu heilen, Zeit zu weinen und Zeit zu lachen, Zeit zu trauern und Zeit zu tanzen.» Gut, die allermeisten von uns töten nicht und auch nicht alle tanzen. Die Worte eröffnen einen Blick auf das Leben. Zwischen dem einen Gegensatz und dem anderen, also gewissermassen im «und» kann ein ganzes Leben, eine Geschichte, ein Weg liegen.
Der Text wertet nicht. Die Worte beschreiben nur, was da ist.
Wir könnten über unser eigenes Leben es konkreter weiterschreiben:
Vielleicht «Zeit einen Koffer zu packen, Zeit ihn wieder auszuräumen.» Das gilt für Ferien, für das Ankommen, für einen Aufenthalt im Krankenhaus.
«Zeit für den Nebel und Zeit für die Sonne.» Das wäre der Morgen und dann der Mittag von einem Tag im November.

Und wir könnten es noch konkreter machen, es mit Orten, Menschennamen und Aufgaben füllen. Dann hätten wir ein Gedicht über unser Leben.
Und wieder: Die Worte beschreiben nur. Wenn es nun unser eigenes Leben ist, wenn wir selbst drin vorkommen, dann ist es für uns wertvoll.
Über die alten Predigerworte gab es Streit, ob sie in der Bibel, dem Buch Gottes bleiben sollen oder nicht. Die Menschen, die die Dichtkunst lieben, haben sie darin bewahrt.
So kommt hier unser Leben in der Geschichte von Gott mit seinen Menschen vor. Das ist sogar mehr als ein Gedicht, das ist eine Verheissung.

Ihnen eine gute Zeit im November
wünscht ihre Pfarrerin
Gabriele Weiss
Bereitgestellt: 15.10.2019     Besuche: 46 Monat