Laufen und suchen - Monatsgedanken August 2019

HH1988<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>6</div><div class='bid' style='display:none;'>1269</div><div class='usr' style='display:none;'>7</div>

Am liebsten laufe ich durch den Wald. Als weiteren Sport mag ich gerne im See schwimmen, wandern und Velo fahren. Alles kann ich draussen machen, und nach einem Lauf fühle ich mich besser.
Früher hasste ich den Sport in der Schule, wenn wir in der Halle zum Aufwärmen erst im Kreis laufen sollten, um dann an Ringen, Barren und anderen «Foltergeräten» Schlange zu stehen. Ein Lehrer, dessen Alkoholfahne durch die Trillerpfeife wehte, verlangte das Unmögliche von mir: Eine Rolle rückwärts mit Handstand auf einer Matte zu üben. Immer wieder sollten wir es versuchen. Nach all dem hätte mein Fazit lauten können: Nie wieder! Oder dem Motto des Geschichtslehrers glauben: «Sport ist Mord». Doch suchte ich meinen eigenen Weg. Ich begann mit Waldlauf. Vor einer Berlinfahrt schlug dann jemand die Wette vor: «Wer beim Marathon mitmacht und durchhält, bekommt eine Kiste Bier.» Es war ein Erlebnis, die letzten Kräfte ab Kilometer 35 zu mobilisieren. Den Kasten Bier teilten wir. Und ich war froh, dass die Fahne des Lehrers mich nicht vom Sport abgehalten hatte, sondern ich auch in Hamburg mit Fahne «Sportler für den Frieden» ins Ziel einlief. Mit 20 Jahren gewann ich eine Reise nach New York und lief den dritten Marathon.

Neulich traf ich eine Frau, die sagte, dass sie nach der Konfirmation nie mehr in den Gottesdienst gegangen wäre: «Wir mussten ja früher immer gehen. Und der Pfarrer war so streng. Einige hat er sogar geschlagen». Das Schlagen bedauerte ich und fragte, ob es andere Lehrer dies auch taten. «Ja, das war damals so.» Meine Frage, ob sie denn lese und ab und zu Rechnungen kontrolliere, irritierte sie. «Ja, wenn der Mathelehrer so streng war, dann wäre es doch konsequent, gar nicht mehr zu rechnen, zumal Sie es früher so oft tun mussten.» Sie lachte verlegen: «Das ist doch etwas anderes.»
Und ich erzählte ihr von meinem Sportlehrer, dessen Sportunterricht mich leiden liess, der mich dagegen nicht davon abgehalten hat, mich zu bewegen. Ist das Bedürfnis nach Bewegung nicht eines wie auch das Bedürfnis nach Sinn und den letzten Fragen? Wird diese Frau nicht auch über das plötzliche Aufgehen einer Nachtkerze staunen, das Glitzern des Wassers beim Sonnenaufgang oder dem Ruf des kreisenden Milan bewundern und in beidem eine Verbindung mit sich und der Schöpfung sehen?

Nun gibt es manche Menschen, die es uns im Leben nicht leicht mach(t)en. Versuche von Martin Seligman mit Hunden 1967 zeigten, dass zwei Drittel der Hunde, die unentrinnbar Stromstössen ausgesetzt waren, an einem anderen Tag auf einem Brett mit Stromstössen sich in ihr Schicksal ergaben, niederlegten und jaulten. Statt über die Bande zu springen, gaben sie auf. Normale Hunde erkannten die Situation und flohen. Psychologen nennen dies «erlernte Hilflosigkeit». Auch Neugier und Bereitschaft zum Lernen kann so unterbunden werden. Wird so auch bei Menschen die Neugier nach Gott, das Fragen nach dem Ursprung und Zweck unseres Daseins bereits früh gestoppt, oder wird sie gefördert? Es gibt auch andere Menschen, die uns Vorbild waren, die Wertschätzung, Lebensfreude und Dankbarkeit gelebt haben, die etwas angestossen oder uns auf den Weg mitgegeben haben.

Gleich ob beim sportlichen Ausgleich oder bei der Frage nach Sinn und nach Gott, es liegt an uns, ob wir uns abhalten und es sein lassen, oder unseren Weg suchen. Auch wer meint, mit dem Zugang zum Studium hätte sie bereits das Examen geschafft und könne die Zeit nur in Cafés zubringen, irrt sich. So ist auch die Konfirmation ein Eingangstor, im Suchen und Fragen nach Gott nicht nachzulassen. Und darin sind wir alle gemeinsam auf dem Weg, ob auf einer Laufstrecke beim Sport oder auf dem inneren und geistlichen Weg.

Eine Zeit in Achtsamkeit wünscht Ihnen
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Bereitgestellt: 18.07.2019