Niemand hat das Recht zu gehorchen - Monatsgedanken März 2019

Bindung Isaaks —  Aus der Ravensburger Kinderbibel, Ulises Wensell<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5</div><div class='bid' style='display:none;'>1070</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

„Gehört diese Geschichte in die Kinderbibel?“, fragen sich Eltern. Gott stellt Abraham auf die Probe und sagt ihm, dass er seinen Sohn Isaak opfern solle (Gen 22).
Diese Erzählung ist so dunkel, unverständlich und vielschichtig, dass man ums Verstehen ringt, bis ins hohe Alter.

Der interreligiöse Arbeitskreis Thurgau lud im Februar in Münsterlingen zum Dialog über „Sinn und Gefahr religiöser Opfer“ ein. Dabei sprachen Christen und Muslime über diese Erzählung von Abraham und Isaak, verglichen zwischen Bibel und Koran. Laut Bibel bereitete Abraham stumm alles vor, kein Wort fällt auf dem dreitägigen Weg, dann belügt er die Knechte und Isaak. Der Engel des EWIGEN verhindert die Tötung Isaaks. Der Name Gottes, den Mose im Dornbusch hört, taucht hier auf und rettet dem gebundenen Isaak das Leben und Abraham aus Stummheit und Lüge.

Der Koran (aus dem 7. Jh) schildert den Sohn als „reif genug“, um Anstrengungen tragen zu können, so Imam Rehan Neziri aus Kreuzlingen. Es kommt zu einem Dialog (Sure 37,102-105). Abraham fragt: „Oh mein liebes Söhnchen, ich habe im Traum gesehen, dass ich dich schlachte. Nun schau, was meinst du dazu?“ Er antwortete „O mein Vater, tu wie dir befohlen wird; du sollst mich, so Allah will, standhaft finden.“ Als sie sich beide ergeben hatten und er ihn mit der Stirn gegen den Boden hingelegt hatte, da riefen WIR ihm zu: „O Abraham, erfüllt hast du bereits das Traumgesicht.“ Also lohnen wir denen, die Gutes tun.

Isaak, „alt genug“, willigt laut Koran selbst ein. Beide ergeben sich. Dies macht einen Unterschied zur Fassung der Bibel. Wird jemand zum Opfer gemacht – oder ist es sein Wille und Einverständnis? Ist der schreckliche Auftrag ein Traum, eine Einbildung, ein Götze, oder Wille Gottes? Die Legende der Bibel ist älter, urtümlicher und darum spröder.

Wie ist Gehorsam zu bewerten? Es braucht die kritische Vernunft, die in der Neuzeit fordert, dass kein Mensch zum Mittel für Zwecke benutzt wird.
„Niemand hat das Recht zu gehorchen“, entgegnete die Philosophin Hannah Arendt auf den Prozess gegen KZ-Leiter Josef Eichmann in Jerusalem. Gehorsam und Bravsein sind nicht an sich gut, sie sind keine Rechtfertigung für eigenes Handeln, auch nicht für politische oder religiöse Fanatiker.

Eine tiefere Wahrheit steckt in der Erzählung der Bindung Isaaks. Die religiöse und existentielle Erfahrung steckt dahinter, sich und das Leben völlig als Geschenk zu erfahren - sich hinzugeben, loszulassen – und die Augen für neue Möglichkeiten geöffnet zu bekommen.

Auf den Altären elterlicher Vorstellungen wird manches Kind geopfert. Einigen Eltern sind Geld oder Karriere wichtiger, andere wollen die Kinder eng an sich binden oder nach ihren Ideen formen. Paradox ist: Je mehr sich einer klammert, umso schmerzlicher ist die Lösung.

Stimmt die Balance zwischen Interesse und Freiheit? Die Sorge um die, die wir lieben, können wir überwinden, wenn wir sie guten Händen anvertrauen, nicht neuen, menschlichen oder materiellen Abhängigkeiten, sondern der Freiheit der Kinder Gottes.

Eine behütete Zeit,
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss

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Deine Kinder
sind nicht deine Kinder,
sie sind die Söhne und Töchter
der Sehnsucht des Lebens
nach sich selbst.

Sie kommen durch dich,
aber nicht von dir und
obwohl sie bei dir sind,
gehören sie dir nicht.

Du kannst ihnen deine Liebe
geben, aber nicht deine
Gedanken, denn sie haben
ihre eigenen Gedanken,

du kannst ihrem Körper ein Heim geben,
aber nicht ihrer Seele, denn ihre
Seele wohnt im Haus von Morgen,
das du nicht besuchen kannst,
nicht einmal in deinen Träumen.

Khalil Gibran (1883-1931)

Veröffentlicht: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 18.02.2019