Freier Kopf - Monatsgedanken September 2018

freier Himmel <div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5</div><div class='bid' style='display:none;'>884</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

Montag: jemand steht an der Bushaltestelle und wartet auf seinen Bus. Nennen wir die Person Mira.
Während des Wartens fällt ihr Blick auf die Werbung an der Wand der Bushaltestelle:
Eine junge Frau mit leuchtenden, langen Haaren, schönen Schultern und Sommerkleidung lächelt in den kühlen Herbstmorgen. Es geht um ein Shampoo, mit der Kraft des Sommers … Mira ist kalt.
Der Bus kommt, die wartende Mira steigt ein.
Dienstag: Mira hastet zur Bushaltestelle, erwischt ihren Bus gerade noch und als Mira erleichtert auf den Sitz sinkt, und aus dem Fenster blickt, blickt ihr wieder die junge Frau aus der Shampoowerbung entgegen: die Kraft des Sommers…
Mittwoch: Mira unterhält sich an der Bushaltestelle mit der freundlichen Nachbarin, immer wenn die Nachbarin mit dem Kopf leicht zur Seite geht, dann wird die Sicht frei auf die schöne junge Dame aus der Shampoowerbung, die mit den langen, langen Haaren… Sie wissen schon: Kraft… Sommer…
Donnerstag: An der Bushaltestelle steht Mira. Es wartet heute noch eine Schulklasse, die fahren wohl zur Schulzahnklink oder ins Museum. Ein Kind vertreibt sich die Wartezeit und liest mit seinen Freunden: Mit der Kraft des Sommers. Dann schauen sie sich an und ziehen sich an den Haaren. Mira grinst.
Freitag: Mira schaut im Fernsehen einen spannenden Krimi, die mutige Polizistin ist auf der Suche nach Indizien. Sie kommt in ein Badezimmer und inspiziert das Regal… «da ist keine Zahnbürste», murmelt sie… Sie verlässt den Raum wieder... und der Blick ruht einen Moment auf den Waschutensilien, darunter eine Flasche, mit den Farben aus der Werbung, nur ohne Text.
Wir könnten es nun so fortsetzen. Nach vier Wochen hängt an der Bushaltestelle vielleicht eine andere Reklame.
Mira wird die Werbung gewiss zwanzigmal gesehen haben. Vielleicht lächelt sie ihr auch noch in einer Zeitschrift entgegen.
Samstag: Mira ist in der Drogerie und möchte neue Zahnpasta kaufen. Die Regale sind mal wieder umgestellt. Ihre Zahnpasta muss Mira suchen. Da sieht sie das Shampoo, erkennt es und greift zu, obwohl zuhause noch zwei angebrochene Shampooflaschen stehen: mit der Kraft des Sommers… Schadet ja nichts, kann Mira ja mal probieren.
Wie ist es zu diesem Kauf gekommen? War Mira frei?
In dem Buch «Werbung- Nein Danke» ermutigt der Volkswirtschaftler Christian Kreiss zu dem Gedankenspiel sich vorzustellen, wie es sich ohne Werbung leben würde. Es gäbe
interessante Nebeneffekte: Die Produkte würden günstiger werden, weil wir heute die Werbung mit bezahlen. Produkte würden wir kaufen, weil wir einen Erfahrungswert damit haben. Vielleicht gäbe es weniger Auswahl, vielleicht gäbe es noch viele Produkte, die wir von früher kennen, die von einem Produkt mit einer peppigeren Werbung verdrängt wurden.
Vermutlich hätten wir auch weniger Dinge. Unsere Kaufentscheidungen wären eher an dem orientiert, was wir brauchen. Fernseh- oder Radiosendungen würden nicht mehr von Werbeclips unterbrochen. Vielleicht gäbe es noch nicht mal die Influencer auf ihren Youtubekanälen, die offen oder verdeckt etwas promoten.
Was wäre wenn?
Trends, Mode, auch wiederkehrende Berichte in den Medien beeinflussen. Meinungsmache funktioniert so schon seit Jahrzehnten. Die meisten werden noch Werbesprüche aus ihrer Kindheit im Kopf haben und mit Gummibärchen mehr verbinden als Gelatine und Zucker.
Sind wir nun getriebene Konsumenten, die von Tag zu Tag nur entdecken können, welcher Zielgruppe sie jetzt zugerechnet werden? Sind wir so passiv?

Was wäre wenn? Schon Paulus geht es um Freiheit. Das Denken, Glauben, Entscheiden und Handeln kann versklavt oder frei sein. Paulus beschreibt die Sünde wie ein Verhaltensmuster, nach dem wir handeln, obwohl wir es gar nicht wollen. Er formuliert Christi Handeln so: «Zur Freiheit hat uns Christus befreit» (Gal 5,1).

Wie gehen wir mit dieser von Gott geschenkten Freiheit um? Nehmen wir sie ernst? Nutzen wir sie? Sind unsere Gedanken frei?
Auch in einer Welt mit Werbung und unsichtbarem Brainwash haben wir Spielraum, können wir Beeinflussung erkennen und bewusst entscheiden. Wir können nicht nur etwas im Laden umtauschen. Wir können auch im Leben etwas nochmal anders sehen, neu anfangen und uns ändern. Wir sind frei.
Denn das, was wir sind, entscheidet nicht ein Produkt. Wir sind schon etwas von Anfang an: Gottes freie Geschöpfe.
Es ist Sonntag. Mira geht an der Bushaltestelle vorbei und freut sich: Heute ist ein freier Tag.

Eine gute Zeit im September wünscht Ihnen
Pfarrerin Gabriele Weiss
Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 03.09.2018