Gefällt Ihnen, was Sie sehen? - Monatsgedanken August 2018

Gefällt Ihnen<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>66</div><div class='bid' style='display:none;'>873</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

Der Rechner zeigt eine Landschaft beim Start und fragt: „Gefällt Ihnen, was Sie sehen?“
Wenn Sie Windows 10 haben, dann sehen Sie auch Berge, Küsten, Gletscher, Wald und hügelige Wiesen. „Manches Bild macht ja richtig Lust, mal dort hinzufahren “, schreibt jemand. Auch ich will neugierig erst einmal herausfinden, wo diese Landschaft liegt. Dabei habe ich doch genug zu tun. Und die Ferien sind längst geplant. Die schönen Landschaften erfreuen mich und lenken auch ab. Wenn Microsoft mir Bilder schickt und mich nach meiner Meinung fragt, bin ich misstrauisch. Ist das ein persönlicher Rorschachtest, ob ich lieber Meer oder Wald mag?
Unsere Zeit und Möglichkeiten sind begrenzt - wie ein Kind, das mit 2 Franken im Laden steht und zwischen vielen Süsswaren auswählt. So können wir auch nicht alle Landschaften bereisen. Es reicht doch eine, die mir gefällt. Ich merke: Es liegt an mir, wie ich damit umgehe: Sehe ich darin eine Aufforderung für die nächste Ferienreise oder einen Guten-Morgen-Gruss?
Will der Erfinder uns von der Arbeit abhalten und zum Reisen animieren? Edward Bernays, ein Werbepsychologe und Neffe von Siegmund Freud, propagierte vor hundert Jahren den Lebensstil, dass US-Bürger sich teure Autos und Häuser kaufen und verschulden sollen, dass sie lange Arbeitswege in Kauf nehmen und so keine Zeit haben, sich für Politik oder soziale Belange zu interessieren. Wir Menschen sind empfänglich für Botschaften, die unsere Nachbarn und Freunde aussenden. Sind Landschaftsbilder also eine Form von „Nudging“, ein kleiner „Reiseanstoss“? Die Möglichkeiten der Werbung reichen weit: Bernays steigerte den Umsatz der Tabakindustrie, indem er sogar Frauenrechtlerinnen dazu brachte, mit Zigaretten als «Fackeln der Freiheit» (freedom torches) massenweise zu demonstrieren. An diese Demonstrationen erinnerten 2015 die gleichartigen schwarzen „#Je-suis-Charlie“-Schilder, die mit Hundertausenden organisiert durch Paris zogen.

Welche Absichten auch dahinter stehen, das bunte Foto, mit dem der PC mich begrüsst, werde ich nicht wegschalten, sondern es als Einladung sehen - zum Verweilen. Etwas, dass mich aktiv werden lässt und das mich nicht passiv und klein macht wie ein Kind, das vom Angebot im Laden überfordert ist. Statt Brainwash mit latentem Aufruf zur Flucht in die Ferien sehe ich darin die Buntheit und Vielfalt der Landschaften und des Lebens, die uns auf je unterschiedliche Weise prägten. Ein Lob an die Schöpfung und den, der ihr zugrunde liegt. Ein guter Gedanke am Morgen, wie ein Spruch auf einem Kalenderblatt. Eine Tiefe, die uns tagtäglich trägt und begegnet. Und vielleicht fällt auch Ihnen ein Vers dazu ein: „Nähme ich Flügel der Morgenröte …“, „er weidet mich auf grünen Auen“, …oder „bei dir ist die Quelle des Lebens, in deinem Licht schauen wir das Licht“, wenn Sie das strömende Wasser sehen.

Eine gesegnete Zeit zum Innehalten wünsche ich Ihnen.
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 20.07.2018