Die Bauern liefen nach Konstanz in die Predigt - 500 Jahre Reformation /400 Jahre Scherzinger Kirche

Kirchenbilder —  (Foto: U.Harder)<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>35</div><div class='bid' style='display:none;'>253</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

Vom Herbst 2017 an wird die Evangelische Kirchgemeinde Scherzingen-Bottighofen während eines Jahres ihrer vierhundertjährigen Selbstständigkeit gedenken. In den Jahren 1617 und 1618 wurde die evangelische Kirche in Scherzingen erbaut. Es war die erste im Thurgau, die eigens für die Reformierten errichtet wurde.
Wolf Dieter Burkhard, w_d_burkhard@bluewin.ch
Wir vermögen heute wohl kaum nachzuvollziehen, mit welcher Freude und innerer Bewegung die damaligen Scherzinger und Bottighofer Evangelischen das neu erbaute Gotteshaus betreten haben. Das Einweihungsfest bedeutete die definitive Anerkennung, dass sie eine eigenständige Glaubensgemeinschaft waren, nicht mehr auf das Wohlwollen der Münsterlinger Klosterfrauen und deren Vorgesetzten angewiesen und keinen steten Querelen mehr ausgesetzt. Sie hatten jetzt eine eigene Kirche und eine eigene Begräbnisstätte.

Die Reformation hatte bereits im Jahr 1522 den Thurgau erfasst. Ein rasantes Tempo, wenn man die damaligen Wege und Möglichkeiten der Nachrichtenübermittlung bedenkt. Seit Luthers Veröffentlichung der 95 Thesen zum Ablass im Oktober 1517 waren kaum fünf Jahre vergangen.

Schon 1520 kursierte ein Flugblatt mit einem "kurtz Gedicht", das "nüwlich ein Thurgöwischer pur" – ein thurgauischer Bauer – "Doctor Martin Luthern und siner leer zu lob" und seinen Widersachern, "sinen widerwärtigen zum spott" verfasst habe. Es beeindruckt, wie rasch und fundiert sich die Thurgauer über die neue Lehre informierten, denn der Thurgau war damals ein von den Eidgenossen als Gemeine Herrschaft unterdrücktes Untertanenland ohne einen eigenen kulturellen oder geisteswissenschaftlichen Brennpunkt.

Für die Bewohner von Scherzingen, Bottighofen und Landschlacht sowie die Klosterfrauen von Münsterlingen war die damals noch reichsfreie Stadt Konstanz der Ort, wo sie die befreiende Botschaft erfahren konnten. Evangelisch gewordene Prädikanten verkündeten "das neue Wort" Gottes, so Jakobus Windner in der Kirche St. Johann, Bartholomäus Metzler in St. Stephan. Zu ihnen gesellte sich der "entlaufene" Benediktinermönch Ambrosius Blarer, der zu einem der wichtigsten Reformatoren in der Bodenseeregion werden sollte.

Besorgt und empört meldete der Urner Landvogt Niklaus Muheim den Eidgenossen: "Die Bauern laufen nach Konstanz in die Predigt. Geistliche und weltliche Personen, die von dem lutherischen Glauben vergiftet sind, predigen dem gemeinen Volk und reisen im Land herum." Die katholischen Stände beauftragten den Landvogt 1522, "diejenigen anzuzeigen, die sich durch Worte und Taten unehrerbietig gegen den Glauben und die Übungen der Kirche erwiesen". Indes, weder Mahnungen noch Drohungen fruchteten gegen die Wirkung des lutherischen "Giftes". Innert kurzer Zeit nahmen die meisten thurgauischen Gemeinden den "neuen Glauben" an.

Das war nun das Unerhörte, was die Reformatoren in die sonst so stille Gegend am See brachten: Die Untertanen getrauten sich neuerdings, gegen die Gebote und Verordnungen der geistlichen und politischen Obrigkeiten zu handeln, weil sie sich nicht länger das "richtige Denken" vorschreiben lassen wollten. Und dieser Errungenschaft sollten wir Nachgeborene uns bewusst werden: Das Handeln nach eigenem Gewissen und eigener Vernunft.

Hundert Jahre zuvor, am Konzil zu Konstanz, war der böhmische Reformator Jan Hus verbrannt worden, weil er den damals Mächtigen, der katholischen Kirche und dem deutschen Kaiser, zu nahe getreten war. Im nationalsozialistischen Deutschland, in kommunistisch regierten Staaten, im faschistischen Spanien wurden noch im letzten Jahrhundert Menschen wegen ihrer eigenständigen Meinung umgebracht. Und auch heute müssen wir nicht weit reisen, um in Staaten zu gelangen, wo das selbstständige Denken nicht erwünscht ist, unterdrückt und bestraft wird, oft auch zum Verlust des Lebens führt. Dessen eingedenk zu werden, soll das Jubiläumsjahr in Scherzingen einen Beitrag leisten.
(Wolf-Dieter Burkhard)

Aktivitäten im Jubiläumsjahr


Am Reformationssonntag, 5. November, um 10 Uhr findet ein Gottesdienst mit dem Gospelchor Joy Singers statt.
In der Adventszeit wird der Turm der Kirche Scherzingen beleuchtet.
An Auffahrt, 10. Mai 2018, wird zusammen mit der Nachbargemeinde Lengwil/Oberhofen ein Gottesdienst gefeiert. Früher gehörte die evangelische Kirchgemeinde Lengwil zu Scherzingen-Bottighofen. Die Kirchgänger werden dort abgeholt und auf historischen Wegen nach Scherzingen begleitet.
Das eigentliche Jubiläumsfest mit Gottesdienst, Darbietungen und Mittagessen findet am 17. Juni 2018 unter Mitwirkung der Musikgesellschaft Scherzingen und der Clownin Paula statt.
Am 4. November 2018 wird Wolf-Dieter Burkhard aus der von ihm verfassten Festschrift vorlesen.
(Claude Ferrari)

Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 22.10.2017