Warum evangelisch? - Monatsgedanken November 2017

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Ein Gemeindeglied bat uns, nur einen Grund zu nennen, warum es sinnvoll ist, in der Evang. Kirche Mitglied zu sein. Meine Antwort:
Es freut mich, dass du dich mit der Frage, warum es sinnvoll ist, in der Evangelischen Kirche Mitglied zu sein, an uns wendest. Gleichwohl scheint es mir nicht so leicht, darauf eine kurze Antwort zu geben, die dich vielleicht überzeugen kann. Da ich dein Anliegen auch verstehen möchte, fände ich es eigentlich praktisch, wenn wir uns treffen und darüber sprechen. Falls du das nicht möchtest und wirklich nur eine Antwort mit einem Grund erwartest, versuche ich es.

Ich bin in der Kirche, weil das Leben, die Botschaft und das Handeln von Jesus mich ansprechen. Nach wie vor entdecke ich darin eine Nachricht, die mich aufatmen lässt, meine Mitmenschen mir lieber macht, mich von festen Vorstellungen löst und freier macht, und mir, bei aller Lieblosigkeit und Ereignissen, die traurig machen, Halt und Hoffnung gibt.

Darin hat Glauben etwas Bewahrendes, das Bestätigung gibt, und er ist zugleich Kraft zur Veränderung. Und Jesus erregte mit seiner Botschaft Widerstand und erfuhr Gewalt, wie auch die, die ihm nachfolgten. Darin zeigt sich, dass Nachfolge nicht immer leicht und easy going ist. Gerade der Widerstand der Bekennenden Kirche im Nationalsozialismus oder die Bürgerrechtsbewegung um Martin Luther King zeigen, dass im Ernstfall dieser Jesus auch Menschen dazu bringt, für die Wahrheit gegen den Staat ihr Leben einzusetzen.

Glauben sehe ich seinem Wesen nach als ein Vertrauen, nicht als ein Etwas-für-wahr-Halten. Ich glaube dir, unterscheidet sich also vom: ich glaube, dass…, worunter ein Wissen oder Nichtwissen verstanden wird.

Somit ist Glauben in erster Hinsicht eine Beziehung. Diese Beziehung wiederum kann nur in der Hoffnung auf etwas Gutes bestehen. Und das Gegenüber, das allgemein mit "Gott" bezeichnet wird, ist seinem Wesen nach Liebe. Christlicher Glaube erkennt, dass sich dieses höchste Wesen uns Menschen in Jesu Leben vollständig gezeigt hat. Zugleich wirkt er auch immer wieder unter uns und ereignet sich zwischen uns Menschen: Wenn Menschen sich einander zuwenden, verstehen, helfen, lieben, versöhnen, dann geschieht etwas von dem, was "Gott" ausmacht und als Liebe wirkt: God happens.

Gerade im Jahr der Reformation erinnern wir daran, dass die evangelische Kirche diese befreiende Botschaft wiederentdeckt hat: Jeder kann sich unmittelbar, ohne Priester oder "fromme Taten" oder Gegenstände, dieser Zusage und Beziehung zu Gott gewiss sein. Sozusagen gratis (sola gratia - allein aus Gnade): Allein aus Vertrauen, allein durch Christus.

Die Reformatoren haben darum gesagt, dass sich darauf der Glaube im Leben, im Alltag, im Beruf bewährt und darin zeigt, wie wir miteinander umgehen. Daraus haben sich allgemeinnützige Institutionen herausgebildet, die heute bei uns in der Schweiz - aber längst nicht in jedem Industrieland - Standard geworden sind, wie das Schulwesen, die Sozialfürsorge oder Krankenkassen.

Dass jeder und jede sich diese Botschaft selbstverantwortlich aneignet und zusagen lässt, allein im Wort - darin ist die evangelische Kirche mit ihrer Botschaft einem Missverständnis ausgesetzt. Manche meinen, dass es dann keine Gemeinschaft und keine Trägerstruktur braucht. Auch wenn man den kategorischen Imperativ von Kant nicht teilt, dass man sein Handeln danach ausrichtet, ob es allgemeingültig werden kann, ist es sinnvoll, sich zumindest über die Konsequenzen im Klaren zu sein, was es bedeutet, wenn viele den Austritt vollziehen.

Zum einen ist es eine Frage der Kontinuität. Natürlich kann man darauf vertrauen, dass irgendwie in Familien etwas weitererzählt wird. Dort ist die Tradition und die persönliche Vermittlung besonders wichtig. Doch ohne Gemeinden, die Unterricht, Gottesdienst, ausgebildete Fachleute und Gebäude anbieten, geht es kaum.
Die gesellschaftliche Relevanz christlicher Positionen würde abnehmen. Ob eine christliche Sicht bei ethischen Fragen noch Geltung hat, wie: Soll ein Seniorenheim bei grossen Schmerzen Palliative Care oder Exit empfehlen?, oder andere Fragen, stände in Frage.

Eine andere praktische Auswirkung sehen wir in grossen Städten und im Ausland: Wenn die Mitgliederzahl drastisch sinkt und Einnahmen wegbrechen, wird es zu Zusammenlegungen kommen und die ein oder andere Kirche verkauft oder umgewidmet werden, zu einer Festhalle, einem Hotel, einem Museum oder was auch immer werden, da der Unterhalt nicht mehr zu finanzieren ist.

Statt schwarzzumalen möchte ich positive Argumente anführen:
Die evangelische Kirche bildet in sich einen Pluralismus verschiedener Positionen und Haltungen ab, wie er schon im Urchristentum mit der Perspektive von vier Evangelien und später in der Demokratie massgeblich ist. Für die Mitgliedschaft in der Evangelischen Landeskirche gibt es kein richtig oder falsch.
Glaube vermittelt sich meist über Erfahrung, und diese will oft auch verstanden werden.
Bei manchen Menschen genügt die Erfahrung. Bei manchen Menschen liegt keine Erfahrung zugrunde, sie brauchen gute praktische Gründe wie die Möglichkeit, die Kirche für Familienfeste (Taufe, Hochzeit) zu nutzen, oder versuchen Gott mit dem Verstand und vielen Büchern näher zu kommen. Dabei bilden sie alle Kirche ab.

Ich belasse es hierbei, denn ich weiss nicht, ob das deine Frage und dein Anliegen beantwortet. Wenn du nach dieser Antwort Interesse an einem Gespräch hast, würde es mich freuen. …

Eine friedliche und gesegnete Zeit wünsche ich uns allen,
Ihr Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 19.10.2017