Monatsgedanken Mai

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Geh aus, mein Herz, und suche Freud. Das bekannte Lied steht im Kirchengesangbuch unter der Nummer 537.
Geh aus, mein Herz, und suche Freud
in dieser lieben Sommerzeit
an deines Gottes Gaben;
schau an der schönen Gärten Zier
und siehe, wie sie mir und dir
sich ausgeschmücket haben,
sich ausgeschmücket haben.

Paul Gerhard schickt sein Herz auf Reisen und gibt ihm den Auftrag mit, Freude zu suchen. Geh such die Freude an diesem schönen Sommertag und schau, wie die ganze Natur sich in einen einzigartigen blühenden Garten verwandelt hat. Such die Freude unter den Blättern der Buchen und Birken, im Wald und Garten, auf Berg und Tal, auf Hügel und Felder.
Mit seiner Einladung lädt er uns ein, unser Herz auf Reisen zu schicken. Verlass dein Schneckenhaus, komm heraus aus deinen Problemen, aus deinem Kreisen um dich selbst, leg den Panzer, der sich um dein Herz gelegt hat, ab und lass die Schönheit von Gottes Schöpfung hinein!
In Augenblicken, wo ich so in eine Landschaft hineinschaue, den Duft einer Wiese rieche und den Gesang der Vögel höre, in solch einem Augenblick bin ich ganz gegenwärtig und merke, wie alles eine Gabe von Gott ist und alles auf ihn hinweist. Es fällt mir dann leicht zu glauben, dass Gott mich und alle Geschöpfe gemacht hat, und dass auch ich selber ein Stück dieses Wunders bin.
Ist das zwar schön, aber auch ein wenig überschwänglich und naiv? Oder ist es gerade um-gekehrt?
Vielleicht gerade weil Paul Gerhard auch das andere in seinem Leben hat erfahren müssen, kann er sich so tief freuen. Zwei Jahre nachdem der dreissigjährige Krieg, der ganz Europa verheert hat und der nur wegen der Kriegsmüdigkeit aller Parteien im westfälischen Frieden zu Ende gegangen ist, dichtet er dieses Lied. Paul Gerhard denkt aber nicht an den Krieg, auch nicht an seine beiden Eltern, die er als Jugendlicher verloren hat, nein er taucht ganz ein in die Schöpfung:

3) Die Lerche schwingt sich in die Luft,
das Täublein fliegt aus seiner Kluft
und macht sich in die Wälder;
die hochbegabte Nachtigall
ergötzt und füllt mit ihrem Schall
Berg, Hügel, Tal und Felder,
Berg, Hügel, Tal und Felder.

Alles Dunkle und Schwere im Leben vergisst er und überlässt die Zusammenschau, dessen, was auf dieser Erde geschieht, Gott. Nur er weiss, warum zur gleichen Zeit Narzissen blühen und gefoltert wird, Nachtigallen singen und Schwerkranke Schmerzen leiden. Er lässt sich vom Schweren und Bösen nicht so stark beeindrucken, dass er das Gute und Schöne nicht mehr sieht.

8) Ich selber kann und mag nicht ruhn,
des grossen Gottes grosses Tun
erweckt mir alle Sinnen;
ich singe mit, wenn alles singt,
und lasse, was dem Höchsten klingt,
aus meinem Herzen rinnen,
aus meinem Herzen rinnen.

9) Ach, denk ich, bist du hier so schön
und lässt du's uns so lieblich gehn
auf dieser armen Erden:
was will doch wohl nach dieser Welt
dort in dem reichen Himmelszelt
und güldnen Schlosse werden,
und güldnen Schlosse werden!

Der blühende Sommergarten wird nun zum Gleichnis für das ewige Leben. Schön, wird hier davon einmal nicht so abstrakt gesprochen, wie „unser Ich wird dann irgendwo gespenster-haft herum schweben", sondern in Bildern, die man sich vorstellen kann. Und auch wenn nicht gemeint ist, dass man diese Vorstellung von Garten, Schloss und Engeln wörtlich zu nehmen hat, so wird doch deutlich, dass das zukünftige Reich Gottes unsere Vorstellung von ihm an Glanz und Schönheit weit hinter sich lassen wird.

13) Hilf mir und segne meinen Geist
mit Segen, der vom Himmel fleusst,
dass ich dir stetig blühe;
gib, dass der Sommer deiner Gnad
in meiner Seele früh und spat
viel Glaubensfrüchte ziehe,
viel Glaubensfrüchte ziehe.

Nachdem Paul Gerhard seine Gedanken im Himmel, im Reich Gottes, hat spazieren geführt, kehrt er auf die Erde zurück und bezieht das Bild von Sommer, Garten, Blumen und Baum auf sich selbst – mit einem kleinen Unterschied. Er ist sich bewusst, dass er die guten Dinge, die Gott schenkt, zum Bösen missbrauchen kann (Das Böse ist grundsätzlich der Missbrauch des Guten, das uns von Gott geschenkt wird). Weil wir im Unterschied zu Tieren nicht durch Ins-tinkte in unserem Verhalten gesichert sind; weil unsere Entwicklung nicht wie die von Pflan-zen festgelegt ist, bittet er Gott um seinen Geist. Wenn Pflanzen wachsen, wenn Lerchen flie-gen, dann brechen sie nicht aus Gottes Schöpfungsordnung aus. Bei uns Menschen ist das anders. Wir können die Schöpfung bewahren oder zerstören. Darum brauchen wir die Hilfe von Gott. Unser Weg ist gefährdet. Immer wieder bleiben wir aus eigener Kraft nicht auf dem richtigen Weg, sondern unterliegen Zwängen. Darum ist es wichtig, dass wir beten, wie Paul Gerhard:

14) Mach in mir deinem Geiste Raum,
dass ich dir werd ein guter Baum,
und lass mich Wurzel treiben.
Verleihe, dass zu deinem Ruhm
ich deines Gartens schöne Blum
und Pflanze möge bleiben,
und Pflanze möge bleiben.

Pfr. Felix Marti
Autor: Ursula Keller     Bereitgestellt: 02.05.2017