Wenn der Ochse aufsteht - Monatsgedanken Dezember 2016

Schafe und Kirche Scherzingen<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>48</div><div class='bid' style='display:none;'>760</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

Die Geschichte von der Geburt Jesu hat Bedeutung für uns. Die Geburtsgeschichte von Jesus von Nazareth ist nicht nur eine Legende vor der historischen Tatsache, dass Jesus lebte. Sie hat einen Mehrwert und will uns sagen: Wir feiern an Weihnachten auch das Fest unserer Erlösung, das Fest unseres neuen Anfangs.
Jeder trägt ein Kind in sich, das mal mehr oder weniger verletzt wurde, das träumte. Dessen Sehnsüchte haben sich erfüllt - oder nicht erfüllt.
Im Advent können wir uns diesen Sehnsüchten stellen: Im Dunkel werden an einer Kerze vielleicht wieder Erinnerungen und Sehnsüchte wach.
So lautet der Monatsspruch für Dezember „Meine Seele wartet auf den LEBENDIGEN, mehr als die Wächter auf den Morgen“ Ps 130,6.
Dieser Vers beschreibt das Dunkel der Nacht, und die Gewissheit, dass der Morgen einmal anbrechen wird.
Beides gehört zusammen.
Sich dieser Kraft der eigenen Bedürfnisse und Sehnsüchte zu stellen, dem nachzugehen, was wir wirklich wollen, wird heilsam sein.
So ist vieles in uns unbewusst, oder schmerzhaft verschüttet und wartet auf Heilung.

Viele Menschen vertreiben dieses Innehalten durch äussere Hektik und grelle Beleuchtung, so dass die Stimme des Kindes in uns nicht gehört und das Unbewusste nicht wahrgenommen wird.
In die Adventszeit wurden Worte von Propheten wie Jesaja aufgenommen, die uns mit ihren Visionen einen Weg weisen. Wenn sie von dem kommenden Licht und dem Blühen der Wüste sprechen, oder vom Tau, das vom Himmel herabkommt, dann wird damit das Kommen Gottes symbolisch ausgedrückt.

An Weihnachten kehrt auch Gott in unseren Stall ein, obwohl wir keinen Platz und keinen Palast für ihn bereitet haben. Da liegt unser Ochsenverstand danieder, und auch Bruder Esel als Leib, mal eher müssig, mal sportlich fit, kauert herum, beide kauen auf gedroschenen Stroh.
Wir können es kaum fassen, dass es auf einmal hell wird, so dass wir uns gerade und wach vor dem Kind aufrichten, wenn von oben himmlischer Gesang ertönt.
Ein kleines Kind möchte gehört werden und lässt sich nicht befehlen, es lebt spontan und kennt weder Schuld noch Scham. Ein Neugeborenes möchte angenommen werden, bedingungslos. Auch mit seinem Schreien. Das kann Abwehr, ja sogar Angst auslösen. Der König Herodes will es töten, lesen wir. Ein königliches Kind stört die Macht, die andere klein hält, um sich selbst als gross zu erleben.

Die Sterndeuter machen sich jedoch von Ferne auf den Weg. Sie vergessen sich und werden selbst zu Kindern, wenn sie sich hinwerfen, und die Geschenke überreichen. Gold als Besitz und als Leben im Haben brauchen sie nicht mehr. Weihrauch, der zum Himmel steigt, ist das Zeichen ihrer Sehnsucht, die an ein Ziel gekommen ist. Und Myrrhe ist legendarisch ein Heilmittel aus dem Paradies, auch dies ein Zeichen, dass sie ihre Wunden nicht mehr spüren.

Sie werden selbst neu, nachdem sie dem Stern gefolgt sind. Im Verschenken werden sie beschenkt. Im Blick von sich weg, finden sie zu sich.

Das Kind steht symbolisch für die reformatorische Erkenntnis, dass Ganzheit und Heilung uns letztlich geschenkt werden.
Dass wir um unsere Sehnsüchte und das Bedürfnis nach Ergänzung wissen, lässt uns nicht mit dem Anhäufen materieller Güter als Ersatz zufrieden sein.

Und damit weist Weihnachten bereits über sich hinaus auf den Osterfestkreis. An der Geschichte Jesu erkennen wir, dass wir uns nur gewinnen, wenn wir uns selbst verschenken.
Doch soweit sind wir noch nicht. Wir neigen dazu, so schnell im Kreis zu laufen wie die Figuren in der Weihnachtspyramide. Verweilen wir im Advent - und schauen auf das, worauf unsere Seele mehr als die Wächter auf den Morgen wartet.

Eine behütete Zeit wünsche ich Ihnen,
Pfr. Andreas Bertram-Weiss
Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 01.12.2016