Der Fischer und seine Frau - Monatsgedanken November 2016

Wikingerfischer —  Fischer in Haithabu, Schleswig-Holstein<div class='url' style='display:none;'>/</div><div class='dom' style='display:none;'>kircheamsee.ch/</div><div class='aid' style='display:none;'>5</div><div class='bid' style='display:none;'>749</div><div class='usr' style='display:none;'>6</div>

In einer kleinen Hütte leben sie: der Fischer und seine Frau. Er geht fischen und macht den Fang seines Lebens: einen goldenen, sprechenden Fisch. „Lass mich am Leben!“ bittet der Fisch, und der Fischer gewährt es ihm. Zuhause schimpft ihn seine Frau: „Von so einem Fisch hättest du etwas wünschen können. Los geh hin. Ich will ein ordentliches Stadthaus, nicht so eine elende Hütte.“
Der Mann widerspricht, aber er trottet zum Strand, und der Fisch erfüllt den Wunsch. Einmal, zweimal. Und die Frau wünscht immer mehr. „Was für eine nimmersatte Person!“, so denken wir vielleicht.
Am Schluss will die Frau so mächtig sein, dass sie die Sonne auf- und untergehen lassen kann. „Sie will wie Gott sein!“schliesst der Zuhörer. Als ihr Mann da vom Strand zurückkommt, findet er seine Frau wieder schimpfend in der alten Hütte.

Das Märchen der Gebrüder Grimm erzählt uns von einem zutiefst menschlicher Wunsch: dem nach „mehr“, nach höher, weiter, besser.. .
„Frau, es ist genug!“warnt der Mann, und doch wünscht sie weiter, und er macht mit. Sie hat so viel – und dabei doch immerzu das Gefühl: „Es stellt mich nicht zufrieden, es macht mich nicht satt.“ Da bleibt ein gefrässiges Loch in ihr: „Mehr, mehr!“.
Unersättlich sind selbst die Menschen, die alles haben: Reichtum, Einfluss, Schönheit ... - reichlich vorhanden. Und doch scheint mit der äusseren Fülle eine innere Leere zu wachsen.
Diesen Hunger nach mehr erkennen wir leichter ausserhalb von uns: In Märchen, in Filmen, bei anderen Menschen. Ein Hunger ist das, der sich nicht stillen lässt: Mehr Geld, mehr Liebe, mehr Erfolg, mehr Anerkennung.
Anders ist es bei uns selbst. Wie ehrlich sind wir mit uns selbst? Kenne ich das Gefühl, nicht genug zu haben? Wo gehorche ich ihm, diesem Hunger nach Mehr? Ich ahne: Manches Elend in unserer Gesellschaft hat hier seine Wurzel. Manches Unrecht und manche Feindseligkeit. Manche Angst vor den Fremden.

Zweimal feiern wir im November das Abendmahl: Wir feiern es als Chance zum Erneuern am Reformationstag oder als Hoffnung auf Gemeinschaft über den Tod hinaus am Ewigkeitssonntag.
Das Abendmahl hat auch eine Botschaft an den Fischer und seine Frau.
Es erinnert an den letzten Abend, an dem Jesus mit seinen Freunden zusammen sass. Einmal noch, dann muss es genug sein. Genug für den Weg, den sie allein weitergehen werden – ohne die Nähe Jesu. Als er das Brot bricht, hören sie: Das ist mein Leib. Den Wein deutet Jesus als sein Blut, es steht für seinen Tod. Später begreifen seine Freunde: Sein Tod schenkt ihnen das Leben. Der innerliche Hunger verwandelt sich. Durch Teilen wird das Brot mehr, nicht weniger. Dieses stille letzte Mahl ist wie ein Gegenbild zu unersättlicher Gier. Da muss niemand fürchten, zu kurz zu kommen. Wo Gott sich in seiner Liebe austeilt, gibt es kein „Mehr, mehr!“ Es gibt genug. Wussten Sie übrigens, dass das Wort „Vergnügen“ mit „genug haben“ verwandt ist?

Eine gute Zeit im November
Wünscht Ihnen
Ihre Pfarrerin
Gabriele Weiss
Autor: Andreas Bertram-Weiss     Bereitgestellt: 25.10.2016