In den Ferien in Finnland machten wir Halt in Rauma, das die grösste Innenstadt aus Holz im Norden Europas hat. Dort besuchten wir auch die Kirche. Beim Eintreten sahen wir, dass wir nicht alleine waren. Eine Frau mit grauen Haaren sass vorne neben einer Säule in der Bank. Wir schauten uns in der Kirche leise um und gingen ein bisschen umher. Die Frau verharrte regungslos. Beim Näherkommen sahen wir, dass sie ein Gesangbuch in der Hand hielt. Mein Sohn hielt mich fester an der Hand, weil er merkte, dass da etwas nicht stimmte.
Die Frau wirkte wie erstarrt. Als wir auf der Höhe ihrer Bank waren, stellten wir fest, dass sie nicht lebte. Wir schauten sie näher an: Graue Haare, das Gesicht nach vorne gerichtet, das Gesangbuch aufgeschlagen. Es war eine Puppe.
Warum hat sie da jemand hingesetzt? War es Kunst? War es eine Mahnung, sich hinzusetzen? Und ruhig zu sein? Ein Vorbild für die Menschen, die nicht mehr wussten, dass man sich in eine Kirche auch hinsetzen und beten kann?
Warum hatte sie das Gesangbuch aufgeschlagen und blieb doch stumm?
Zugegeben, es wirkte unheimlich, und wir waren verwirrt. Viele Kirchen habe ich schon angesehen, Figuren von Heiligen standen meist in katholischen Kirchen, von klein über lebensgross bis riesig, aber bisher hatte ich noch keine Figur in der Bank und erst recht nicht in einer evangelischen Kirche gesehen.
Sollte sie die Kirche „bewohnen“, weil sonst niemand mehr kam? Oder war die Idee zu abwegig: Gott sollte so erfreut werden und glauben, da betet jemand ohne Unterlass? Es erinnerte mich an die Gipseier in den Nestern im Hühnerstall meiner Oma. Ich freute mich zunächst, ein Ei zu finden, doch dann war es ein künstliches.
Nun, wie wäre es, wenn wir auch ein paar Puppen bei uns in die Kirche hinsetzen? Als Stellvertreter, „Avatare“ anstelle von uns selbst?
Der Film „Avatar“ war ein Klassenschlager. Einige neuere Filme spielen ebenfalls mit der Idee der „Avatare“ als Science Fiction: man bleibt zu Hause, sitzt an der Steuerungskonsole, und ein Roboter oder ein Mensch mit einem Chip im Gehirn geht so gesteuert als Stellvertreter in die Aussenwelt.
Viele Menschen haben ihre Stellvertreter, sogenannte Avatare im Internet in einer zweiten Kunstwelt oder bei Online-Spielen, sie haben Kunstnamen wie Lightknight oder Delecto.
Junge Menschen verbringen viel Zeit bei Spielen und der Kunstwelt. Jetzt haben sie die Möglichkeit, ihre Stellvertreter zu beerdigen. Das Drogenreferat Frankfurt hat einen Friedhof für Avatare eingerichtet auf
www.herolymp.de. In einer Kunstwelt mehrere Stunden am Tag zu leben ist eine Sucht. Einen Stellvertreter auf „Stufe 80“ für sich kämpfen und leben zu lassen, kann krank machen. „Ich spielte die Wochenenden durch und machte zu viel Mist, und auch die Schule litt. Lieber real leben als virtuell ;)“, schreibt ein Spieler im Nachruf.
Ob jemand in der Kirche von Rauma auch seine Stellvertreterin abgesetzt hat, wissen wir nicht. Besser ist es selber mit Gott in Kontakt zu kommen. Und sinnvoll, dass man sich von diesen Stellvertretern verabschieden kann, bevor sie einem im realen Leben über den Kopf wachsen.
Eine echt gelebte Zeit wünscht
Pfr. Andreas Bertram-Weiss