Trendfarbe „camel“ - Monatsgedanken April 2010

Der Kaiserin neue camel-Kleider (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

Der Kaiserin neue camel-Kleider (Foto: Andreas Bertram-Weiss)

„Die neue Trendfarbe für den Sommer ist „camel““, las ich im Modeteil unserer Zeitung „und das ist nicht etwa das gleiche wie“ beige““, ging es weiter.
Da fühlte ich mich doch an „Des Kaisers neue Kleider“ von Andersen erinnert.
In dem Märchen weben zwei Edelschneider mit den teuersten Perlen und Stoffen für den Kaiser. Bloss ihr Werk ist nicht sichtbar. Das kann nur sehen, wer seines Amtes würdig und nicht dumm ist, behaupten die beiden Betrüger. Keiner sieht was, nur mag es keiner zugeben. Wo sollen die teuren Materialien denn verarbeitet sein? Die Schneider scheinen sie ja zu sehen. Alle staunen mit. Der Kaiser führt die Kleider sogar aus. Und nur ein Kind ruft: Der Kaiser hat ja gar nichts an!

Aufgeweckte Kinder haben wir gerne. Die fragen, wo wir fast selbst keine Antwort wissen: Herrlich! Kinder sehen Dinge, wo wir vorbeigegangen wären: merkwürdige Schilder, zweifarbige Steine, Schmetterlinge.

Irgendwann geht die Begeisterung der Erwachsenenwelt über das Aufgewecktsein zur Neige. Nicht zu jedem Zeitpunkt passen Fragen. Neben dem Offensein für neue Eindrücke brauchen Menschen ja auch Geduld und Zurückhaltung, um im Miteinander zu leben. Aufgeweckte Erwachsene werden oft lästig. Die fragen so viel nach und stören den gewohnten Ablauf.

So ähnlich muss es die Tempelaristokratie empfunden haben, als Jesus in Jerusalem im Tempel auftrat. Das Gespräch mit dem Zwölfjährigen war ihnen noch recht, aber dieser erwachsene Jesus! Nicht nur dieses hierarchische System, sondern auch das normale Leben stellte Jesus auf den Kopf. Jesus stellte manchmal unangenehme Rückfragen. Er liess die Leute schon mal die Antwort selbst suchen, anstatt sich wie ein Lexikon nach dem „ewigen Leben“ befragen zu lassen. So legte er mehr noch als ein aufgewecktes Kind den Finger in die Wunden seiner Zeit. Unsichtbare Machtkonstellationen beschwor er gegen sich auf, was zum Tod am Kreuz führte.
Nach seinem Tod spürten seine Jünger und Jüngerinnen: Jesu Botschaft geht weiter. Wir erzählen weiter, was wir mit Jesus erlebt haben. So erleben wir Gemeinschaft mit ihm. Gott hat Jesus auferweckt. Er ist uns erschienen.

Aufgeweckt- auferweckt.
Es wäre nun banal, zu sagen: Christen gehen in Jesu Spuren und sind damit wenn auch nicht auferweckt, so doch aufgeweckte Menschen. Es gibt auch für Christen keine Garantie, immer den Durchblick und das rechte Gespür für den rechten Zeitpunkt zu haben. Schade wäre es aber, wenn über aller Contenance und Bescheidenheit die Gabe, auch mal die Wahrheit zu sagen oder etwas Unangenehmes zu fragen, verloren geht.

Wir dürfen hoffnungsvoll sein. Wir erwarten mit Gott eine Zukunft, die schon begonnen hat. Aufgeweckte Kinder trauen sich etwas, weil sie um den Rückhalt bei ihren Eltern wissen. Christen können mutig sein und zwar noch mutiger, als nur die Zeitung beiseite zu legen und sich sagen: Die Trendfarbe „camel“ ist getarnte Werbung.

Aufgeweckte Sichtweisen im April
wünscht Ihnen
Pfarrerin Gabriele Weiss
Bereitgestellt: 24.03.2010